Die glorreiche Sieben

- Schon fünf Jahre? Tatsächlich. Im Februar kann inkunst e. V./ Halle 7 Jubiläum feiern. Mit berechtigtem Stolz. Man hat sich etabliert, nennt sich seit kurzem Theater Halle 7. Dass sich hinter dem inkunst-Verein eine von der Bundesagentur für Arbeit finanzierte Fördermaßnahme verbirgt, ist eher nur Insidern bekannt.

Denn was man in der Münchner Waltherstraße 7 zu sehen bekommt, sind fertige, spannende Theaterabende mit vorwiegend zeitgenössischen Autoren, von Sergi Belbel und John von Düffel bis zu Dea Loher, Martin McDonagh, Mark Ravenhill, Moritz Rinke, Jan Tätte, und G. F. Walker. Am kommenden Mittwoch, 14. 12., hat das Pflegeheimdrama "Verzeihung, ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?" des jungen Dänen Christian Lollike Premiere. Claus Peter Seifert inszeniert. Wir trafen das Regie- und Leitungs-Trio von Halle 7, Seifert, Dirk Engler und Mario Andersen, jetzt für Rück- und Ausblick.´

"Wir brauchen uns hier nicht an hierarchischen Strukturen die Zähne auszubeißen." Mario Andersen

Die Initialzündung: "Für arbeitslose Schauspieler gab es in Berlin gerade zweimal im Jahr ein Vorsprech-Rollentraining", sagt Claus Peter Seifert, bis 1999 hierorts bestens bekannter Schauspieler. Seifert und Dirk Engler, er einst Assistent an den Kammerspielen bei Dieter Dorn, wollten mehr: richtig Theater machen als Sprungbrett zurück ins Berufsleben - für Schauspieler, aber auch für Dramaturgen, Bühnen-, Kostüm- und Lichtdesigner, Techniker und Pressereferenten. Das Konzept ging in mehrfacher Hinsicht auf.

"Seit Februar 2001 wurden 48 Stücke von 28 verschiedenen Autoren aufgeführt. Von den 200 Mitwirkenden hat die Hälfte wieder ein Engagement", so Seifert. Das inkunst-Schaufenster - pro Saison zwei Staffeln mit vier bis fünf Produktionen - ist Deutschlands Intendanten, Regisseuren und Veranstaltern längst eine Reise wert. Engler: "Ein Drittel des Publikums ist vom Fach. Aber dann gibt es auch die Stammzuschauer, die uns einfach entdeckt haben. Immer mehr auch Volkshochschulkurse und - da denkt man sichtbar weiter für die Jugend - Lehrer mit ihren Schulklassen. Und letztlich die Zuschauer, die neugierig sind auf zeitgenössische Stücke." Und Seifert knüpft gleich daran an: "Inzwischen sind wir in der Verlagswelt bekannt. Man vertraut uns ohne weiteres deutschsprachige Erstaufführungen an."

Ein Erfolg, ermöglicht sicher auch dadurch, dass ohne finanziellen Druck gearbeitet werden kann. Mario Andersen, mit langjähriger Erfahrung als Schauspieler, Regisseur, Oberspielleiter und Pädagoge - er ist auch Dozent an der Bayerischen Theaterakademie -, bestätigt: "Unsere Arbeitsbedingungen sind ideal. Es gibt ja bei uns auch ein umfassendes Trainingsprogramm, von Sprechtechnik und Körperarbeit bis hin zum Berufscoaching mit Beratung unter anderem in Versicherungsfragen. Wir wollen und können es auch gewährleisten, dass inkunst eine kreative Tankstelle ist. Wir sind hochprofessionell organisiert wie ein Stadttheater, brauchen uns aber nicht an hierarchischen Strukturen die Zähne auszubeißen. Bei uns herrscht Teamgeist. Und jeder kann genau das Stück machen, für das er brennt. Aber wir leben doch unter dem Druck der Anerkennung: denn die Bewerbungen passieren ja übers gehörte ,Die in München sollen gut sein’."

"Es ist doch ein Riesenakt, dieses Haus zu leiten." Dirk Engler

Seifert, Engler und Andersen, der 2002 dazugestoßen ist, haben als Regisseure mit je individueller Handschrift inkunst geprägt. Nun verabschiedet sich Engler: "Mit allem Reichtum der Halle 7 : Es ist doch ein Riesenakt, dieses Haus zu leiten, herumzufahren, Leute anzuschauen. Und mit jeder Staffel fängt man ja auch wieder mit einem völlig neuen Team ganz von vorne an. Ab jetzt möchte ich kontinuierlich mit einer Gruppe arbeiten können, auch an einem festen Haus." Und setzt scherzend nach: "Aber wenn's mal eng wird, kommt der Engler."

Ein Nachfolger, zwar noch nicht benannt, kommt ganz sicherlich. Und Kontinuität ist, in gewissem Sinn, auch garantiert. Andersen, der sich bei der Inszenierung von Belbels "Regen" in die Schauspielerin Sylvia Mayrhofer verliebt hat, gut aufgelegt: "Inkunst hat uns die Hochzeitsfeier ausgerichtet. Unser Sohn ist zehn Monate alt, mithin: Nachwuchs gesichert."

14. Dezember: "Verzeihung, ihr Alten" von Christian Lollike, Regie: Seifert. 5. Januar 06: "Das Pulverfass" von Dejan Dukovski, Regie: Andersen. 21. Januar: "Sexy Sally" von Christian Lollike, Regie: Engler. Karten unter: Telefon 089/ 53 29 78 81; info@inkunst.de; www.inkunst.de

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