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Als Bestsellerautor in Frankfurt: Bruce Springsteen.

Frankfurter Buchmesse

„Glory Days“ mit Bruce Springsteen

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Frankfurt am Main - Ein Treffen mit Bruce Springsteen, der auf der Frankfurter Buchmesse seine Autobiografie „Born to run“ vorstellte.

Zum Unterschreiben bekommt er jetzt neuestens Bücher in die Hand gedrückt, keine Platten oder CDs. „So ein Buch“, sagt Bruce Springsteen, „ist schon etwas Substanzielleres“. Speziell dieses: über 670 Seiten dick und mehr als ein Kilo schwer.

Springsteen, die Rocklegende, ist auf einmal auch ein Nummer-eins-Schriftsteller, seine Autobiografie „Born to run“ das derzeit meistverkaufte Buch in Deutschland, Dänemark, Schweden, Großbritannien, Kanada. Das kam aus dem Nichts. Niemand wusste, dass der 67-Jährige an seinen Lebensaufzeichnungen arbeitete, sieben Jahre lang hat er das getan. Und als er fertig war, hat er den Text Verlagen angeboten. „Normal“, erklärt Ulrich Genzler, Chef des Münchner Heyne Verlags, „kauft man bei so etwas die Katze im Sack, kriegt vielleicht ein 20-seitiges Exposé. Hier aber haben wir das komplette Manuskript bekommen, und es ist großartig. Wir waren total geflasht.“ Heyne kaufte die deutschen Rechte, und das hat sich gelohnt.

Springsteen ist ja schon oft in Deutschland gewesen, um große Konzerte zu geben. 1988 etwa hat er an einem Tag vor 160 000 Leuten in Ostberlin und am nächsten vor 70 000 im Westteil der damals geteilten Stadt gespielt. Nun ist seine Anwesenheit auf der Frankfurter Buchmesser erforderlich, als Spitzenreiter der Bestsellerlisten und heiße Nummer des Buchherbsts muss man einfach da sein. Vorerst aber lief seine Anwesenheit strikt geheim ab. Wer zu einem Gespräch mit dem Meister geladen war, durfte nicht verraten, dass es stattfinden würde und wo. Auch danach nicht. Das Hotel ist eines der noblen der Stadt, man will dort keine Umtriebe und keine Fans, die den Eingang blockieren.

Springsteen ist aber nicht als Rockstar da. Er kommt nicht im Bühnenoutfit (Jeans, Shirt, Lederweste), das seinen muskulösen Arbeiterklassenkörper in Szene setzt, sondern im Autoren-Look. Hemd, Sakko, alles in dunklen Farben. Wenn er eine Stelle aus „Born to run“ vorliest, muss er eine Brille aufsetzen. „Früher zum Windsurfen“, erinnert er sich ein paar Jahrzehnte zurück, „brauchte ich die nicht“. Er ist jetzt 67. Er lacht. Springsteen hat in diesen Momenten seines Nostalgie-Lachens eine andere Stimme. Hoch. Kindlich. Nicht vergleichbar mit seiner Singstimme.

Über die schreibt er nichts Nettes. Objektiv höre sie sich an wie die einer Katze, der man Feuer unter den Schwanz hält. „Tonaufnahmen sind ein unbestechlicher Bullshit-Detektor.“ Sein Weg war es, gute Songs zu schreiben, auf der Bühne herausragend und authentisch zu sein. „Wenn der Song aus tiefstem Herzen kommt, ist die Gesangstechnik zweitrangig.“ Singen könnten viele Menschen besser als er. „Man hört sie in sämtlichen Castingshows und den Lounges der Holiday Inns in ganz Amerika. Sie treffen einwandfrei alle Töne, sogar die hohen, aber sie können nicht die ganze emotionale Tiefe eines Songs ausloten.“

Bruce Springsteen hat mit der E-Street-Band seinen Sound gefunden. Es muss röhren, scheppern, hallen. Das hat mit seiner ersten Rock’n’Roll-Wahrnehmung zu tun, mit Elvis und den Beatles daheim im einfachen Kofferradio. Später wollte Springsteen seine Platten immer so produziert haben, dass sie auch auf billigsten Lautsprechern Volumen entfalten. Hingabe sollte zu spüren sein – wie bei den Konzerten. Er pflegt mehr als drei Stunden zu spielen, bis zur Erschöpfung. Im Juli erst hat er das wieder im Münchner Olympiastadion gezeigt.

Das Bild, das man damals, vor wenigen Monaten, von ihm hatte: der gute Amerikaner. Das gilt weiter, er ist patriotisch und zugleich links, doch durch die Buchveröffentlichung ist eine andere Facette seiner Persönlichkeit bekannt geworden: Springsteen leidet unter Depressionen. „Das kommt von der irischen Linie meiner Familie.“ Er hat akzeptiert, „dass das ein chemischer Prozess ist“, den er nur mit Medikamenten beeinflussen kann. Seit 15 Jahren nimmt er Antidepressiva. Zur Zeit sei alles gut, auch wenn er sein aktuelles Lebensjahrzehnt, das siebte, kritisch bewertet. Es begann mit einer Krise, die sich über eineinhalb Jahre erstreckte. Er durchlebte „eine gehetzte Depression“. Das liest sich so: „Tod und Verderben waren alles, was mich zu erwarten schien. Ich tigerte durchs Zimmer, suchte nach dem einen Quadratmeter Teppich, auf dem ich mich besser fühlen würde. Ich wurde zu einem Fremden, der in einem geliehenen Körper steckte, und dieser Körper und sein Verstand waren mir zutiefst zuwider.“ Er hatte das Gefühl, nur exzessives Training und Erschöpfung könnten ihm noch helfen.

Warum Springsteen das öffentlich gemacht hat? Aufgrund der Ehrlichkeit, die er auch als Musiker lebt. „Als Autor schließt man ebenfalls einen Vertrag mit dem Leser“, dass man die Wahrheit erzähle. Begonnen hatte seine Schreiberei nach dem Super-Bowl-Finale 2009. Springsteen und die E-Street-Band traten in der Halbzeitpause der Football-Show auf. Zwölf Minuten vor den Augen und Ohren der Welt. Ein Blitztrip durch 35 Jahre Bandgeschichte, von den Anfängen ohne Geld bis zu den Megahits wie „Born in the USA“ und „Glory Days“. Seine Gefühle fasste Springsteen nach dem Auftritt in einem Essay zusammen. Dann wollte er mehr aus seinem Leben festhalten, für seine Kinder. Schließlich erkannte er die generellen Vorteile des Schreibens: „Man kann noch stärker ins Detail gehen als in den Songs.“

„Born to run“ ist aber nicht vorrangig die Geschichte einer nicht immer ungetrübten Vater-Sohn-Beziehung oder seiner Depression. In erster Linie hat Springsteen seine Karriere aufgezeichnet, die schwer in Gang kam. Mit 22 – das war 1972 – hatte er zwar die Musikindustrie auf sich aufmerksam gemacht, war aber trotzdem abgebrannt. Um die Miete bezahlen zu können, musste er sich am anderen Ende von New York beim Boss der Plattenfirma 35 Dollar Vorschuss abholen. Er lieh sich ein Auto, tankte gerade so viel, dass er den Weg hin und zurück schaffen würde, für den einen Dollar Maut für den Lincoln-Tunnel kratzte er Cent-Stücke zusammen. Es waren genau 100, doch beim Nachzählen stellte sich heraus, dass ein kanadischer darunter war. Man wollte ihn nicht passieren lassen – bis er in den Polsterritzen des Autos noch den einen richtigen Cent fand. Heute ist das für den Multimillionär eine verblassende Anekdote – wie für den Ehemann und Familienvater die Zeiten, in denen er „seriell monogam“ oder „semimonogam“ lebte. Herrenwitz-Vokabeln. Als Rock’n’Roller muss man unkorrekt sein dürfen.

Bruce Springsteen, jetzt auch Schriftsteller: Seine Mutter wollte ihn immer in dieser Rolle sehen, verrät er. Sie lebt noch, kann es aber nicht genießen. „Sie hat ernsthaft Alzheimer“, sagt Springsteen. Er ist selbst ja schon ein bisschen opahaft, wenn er über die Musiker von heute redet (Kanye West), die seine Kinder hören – wenn sie nicht mit Videospielen beschäftigt sind.

Der Rockstar, der die Literatur bereichert – das ist zwar eine große Geschichte, aber Springsteen hat sie nicht exklusiv. Die Welt redet derzeit über Bob Dylan noch mehr als über ihn. Dylan, der den Literaturnobelpreis bekommen hat, den die Schwedische Akademie aber partout nicht ans Telefon bekommt. Springsteen kennt Dylan seit über vierzig Jahren. Weiß er was? „Ich bin sicher, er ist glücklich.“ Und dass ein Sänger einen Literaturpreis bekommt, sei „großartig“. Er fühlt sich einer solchen Geschichte nun sehr nahe.

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