Glucksendes Amüsement

- Einer liest - und ein Riesentheater füllt sich? Kaum zu glauben? Wenn aber Thomas Holtzmann der Vortragende ist, dann gibt`s da überhaupt keine Probleme. Seine Verehrerinnen und Fans folgten ihm am Montagabend in Scharen ins Münchner Prinzregententheater und waren begeistert - trotz Handygeklingel, Gehuste und Stühleknarzen.

<P>Holtzmann, dessen schauspielerische Größe in dem Paradox von Heroismus und Bodenhaftung liegt, könnte das oft zitierte Telefonbuch vorlesen - und alle kämen. Erst recht, wenn er Thomas Mann gestaltet, erst recht, wenn es sich um "Tod in Venedig" handelt. <BR><BR>Zwei Stunden fesselte Holtzmann sein Publikum mit Manns Künstler- und Liebesnovelle, da war die akustisch schwächelnde (eingespieltes Adagietto aus Mahlers Fünfter) und optisch lediglich gefällige "Rahmung" (Venedig-Fotos) eigentlich überflüssig (Konzept/Idee: Christian Reinisch). Denn gerade Thomas Holtzmanns Stimme ist prädestiniert für Manns Ironie, die manchmal nur als Ahnung zu spüren ist, manchmal als freches Glitzern hervortritt. </P><P>So ließen sich die Zuhörer von Manns elegant schlitzohrigen Wendungen und Holtzmanns flirrendem Timbre kitzeln, bis das Amüsement glucksend durch die Parkettreihen kollerte. Der Schauspieler konturierte den Text genau, ohne zu mimen, ohne zu theatern. Raunte nicht Dekadenz, zelebrierte nicht Todessehnsucht. Holtzmann sorgte, den Körper konzentriert und nervig angespannt, für Dynamik und Energie. Schließlich ist "Der Tod in Venedig" kein schwüler Jahrhundertwende-Text, sondern ein glasklar analysiertes, präzise konstruiertes Liebesschicksal. </P><P>Ein höchst angesehener Schriftsteller, Gustav von Aschenbach, der es mit unbedingter Disziplin und unbedingtem ästhetischen Willen zum Klassiker gebracht hat, stürzt aus seiner säuberlich gefestigten Lebensordnung in den Untergang: Die Liebe zu einem schönen Knaben hält ihn im choleraverseuchten Venedig, wo der Dichter stirbt. <BR><BR>Wiederholung am 15. Dezember, 20 Uhr; Karten bei münchenmusik Telefon 089/93 60 93, tickets@muenchenmusik.de. <BR></P>

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