Das Glück als Rechenfehler

- Der eine: allein am Schreibtisch sitzend, ein Blatt Papier vor sich und im Kopf eine Fülle voller Ideen und Lösungswege. Der andere: im fernen Westen unterwegs, höchste Berge und tiefste Höhlen erforschend, alles im Lichte seiner Messinstrumente bewertend. Zwei Wege sind das, doch haben sie dasselbe Ziel. Die Rätsel der Welt sollen entwirrt werden, damit man endlich "dem Leben auf die Schliche" kommt.

Verkörpert werden beide Ansätze durch den Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß (1777-1855) sowie den Forschungsreisenden Alexander von Humboldt (1769-1859). Der junge Autor Daniel Kehlmann lässt sie in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" zusammentreffen. Alt und knöchrig sind die beiden Stars da schon geworden, als sie sich in Berlin begegnen. Das Leben, auch die Forschung ist über sie hinweggezogen, doch was sie einst für die Wissenschaft bedeuteten, rollt Kehlmann in Rückblenden auf.

Sein beschwingt geschriebenes Buch verbindet Wahres mit Fiktion, holt Persönlichkeiten vom Sockel, die sonst vom Weihrauch der Unnahbarkeit umweht werden. Kehlmann schildert die ersten Experimente Humboldts, die er am eigenen Körper ausprobiert, seine Reise nach Südamerika, wo der Kanal zwischen Orinoko und Amazonas gefunden wird, wo Hügel vermessen, Steine und Tiere in enervierender Vollständigkeit gesammelt werden, denn: "Ein Rätsel, wie klein auch immer, lasse man nicht am Wegesrand."

Rechtfertigung erfährt bei Kehlmann auch Humboldts Mitreisender Bonpland, der mehr als ein Assistent ist, eher ein

Korrektiv des Forschers, der für nichts anderes als für seine Wissensobjekte Augen und Ohren hat. Ganz nebenbei "berichtigt" Kehlmann auch die Tagebücher der beiden, erzählt, was "wirklich" passierte und was manchmal ganz unakademisch geschönt werden musste.

Ein Wesensverwandter ist da der Kopfarbeiter Gauß. Aus einfachen Verhältnissen stammend, taucht er tief ein in die Gesetze der Zahlen und des Alls. Als Rationalist und Pessimist begegnet dem Leser hier Gauß, als einer, der das Glück als Rechenfehler begreift, der sich mit Verachtung gegen Mitmenschen schützt, bis ihm in seiner Gattin Johanna ein akzeptierter Widerpart erwächst.

Auf unverkopfte, oft humoristische Weise schildert Kehlmann die beiden: Gauß, der Gesetzen durch bloße Gripsanstrengung auf die Spur kommt, und Humboldt, der Regelmäßigkeiten durch eigene Entdeckungen aufspürt. Dass dieses Wissen nicht nur Licht ins Dunkel bringt, sondern auch die Aufklärung befördert, ahnt Humboldt nicht nur, sondern propagiert dies als Utopie: Angst, Kriege, all das könne durch Erkenntnis überwunden werden. Wie gefährlich Erkenntnis ist, bekommt Gauß dagegen in der Familie zu spüren, als sein studierender Sohn in die Fänge der Polizei gerät.

Ganz erstaunlich ist, wie Daniel Kehlmann Biografien, Denkschulen und historisches Umfeld verpackt. Wie locker er Zusammenhänge verdeutlicht und den Charakteren der Forscher Tiefenschärfe gibt. Als federleichten philosophischen Roman kann man "Die Vermessung der Welt" lesen. Oder als Text, der zur Weiterbeschäftigung einlädt - auch wenn die beiden Empiriker angesichts von Kehlmanns Zutaten im Grabe rotieren dürften.

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