Glückselige Schurkerei

- Ein vom Leben Gekreuzigter: der Weltverbesserer, zur Anprobe das Strickzeug, das einmal eine Mütze werden soll, samt Nadelspiel auf dem Kopf. Eingewickelt in die dekorativen Falten einer Decke. Die Augen schmerzensreich zum Himmel gerichtet. Ehren wird man ihn, den Verfasser des "Traktats zur Verbesserung der Welt", aber verstehen nicht, verstehen nie. Da nicht einmal jemand seine Bedürfnisse versteht - "das Ei weich, die Sauce süß; ich hasse frische Luft" -, die sich auch ins Gegenteil verkehren können.

<P>Wenn er so ringt um die optimalen Bedingungen für seine kleine, stickige Welt, dann blitzen in Rudolf Wesselys Augen und Grimassen Spott und Spaß, grimmiger Schalk und glückselige Schurkerei auf. Nie aber nimmt die amüsierte Ironie des Schauspielers überhand, immer bleibt er gerade noch der unausstehliche, unwiderstehlich berückende Besserwisser. Sein Drangsalieren und das widerwillige Parieren Heide von Strombecks als "Frau" sind virtuos eingespielt. Das spürt man bei der Wiederaufnahme von Thomas Bernhards "Weltverbesserer" im Bayerischen Staatsschauspiel.</P><P>Nicht nur schadlos, sondern vielleicht vorteilhaft wurde Antoine Uitdehaags Inszenierung, einst für die Kammerspiele, aus der Zenith-Halle ins Cuvilliéstheater verpflanzt: So wie der schrullige Traktierer sich an den gezierten Honoratioren stößt, die ihm den Ehrendoktor verleihen, so kurios wirkt er, der allen Glanz der Welt verabscheut und ihren Schmerz in einem alten Zahnarztstuhl aussitzt, im schmucken Rokokotheater. </P><P>Nicht dass er Asket wäre: Gar nicht genug kann er von sich kriegen, sodass ihm Bühnenbildner Tom Schenk an eine oben zornrote, unten geizgelbe Wand eine veritable Selbstbespiegelungsgalerie gehängt hat: fast ein Dutzend Weltverbesserer-Porträts, die später den Video-Aufnahmen seines Mundes weichen. Der stets kritteln will, vor allem an der "Frau" herum. In der fast stummen Rolle erzählt Heide von Strombeck mit variierten Augenaufschlägen und ängstlichen Verrenkungen die ganze Bandbreite des Leidens an ihrem Widerpart.</P><P>Aus dem auch die beflissenen Würdenträger nicht schlau werden: Matthias Hell als feister Bürgermeister, Richard Beek als aus staubigen Gewölben entwichener Professor, Helmut Pick als launischer Dekan und der mit Gerd Anthoff neubesetzte, wichtigtuerische Rektor - kaum haben sie dem Genie ihr Nichtverstehen kundgetan, widmet es sich wieder der Abschaffung der Welt: unlustig, aber bei Wessely und Strombeck äußerst belustigend. <BR></P>

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