Glücksfälle für die Monacensia

- Wenn sich auf Dachböden oder Kellern in München und Umgebung Handschriften, Briefe und Manuskripte finden und diese von einem Schriftsteller stammen, dann ist das zumeist ein Fall für die Monacensia. Ein großer Glücksfall für sie sind die zwei Handkoffer, die Arnulf Gottschall entdeckt und nun dem Archiv für Münchner Literatur geschenkt hat. Es befinden sich darin Dokumente unter anderem zu Alfred Polgar, Lotte Lenya, Olaf Gulbransson, Franziska zu Reventlow und zur Familie Mann. Bis sie im Hildebrandhaus, dem Sitz der Bibliothek, ankamen, mussten die Koffer einige Umwege nehmen.

<P>Sie gehörten ursprünglich Liesl Lustig, die in erster Ehe mit dem Autor Bruno Frank verheiratet war. Die beiden waren Nachbarn der Manns und mit ihnen gut befreundet. Die verstorbene Frau Gottschalls wiederum arbeitete als Sekretärin für Liesl Lustig und kümmerte sich bei deren Tod um die Haushaltsauflösung. "Auf diesem Weg", so Gottschall, "sind die Dokumente wahrscheinlich in unseren Besitz gelangt und in Vergessenheit geraten". Zuerst, gesteht Gottschall, habe er damit geliebäugelt, den Schatz an Sammler zu verkaufen. Dann aber fühlte er sich doch der Monacensia zu sehr verbunden.</P><P>Nicht nur darüber kann sich deren Leiterin Elisabeth Tworek zur Zeit glücklich schätzen. Es sind ihr zwei weitere Coups gelungen. Ihr Haus erhält nämlich den literarischen Nachlass von Elisabeth Mann-Borghese, der jüngsten Tochter Thomas Manns: 500 Autografen und 23 Manuskripte unter anderem von Thomas Mann, 240 Fotos aus Elisabeths Kinder- und Jugendzeit sowie ihrer eigenen Familie und 300 Briefe der Manns. Schließlich wurden noch Briefe von Klaus und Erika Mann an den Schriftsteller Kurt Hiller angekauft, die Einblick geben in den Exilalltag der beiden. Solchermaßen sei man bestens gerüstet für 2005, wenn sich Thomas Manns Todestag zum 50 Mal jährt, freute sich Kulturreferentin Lydia Hartl.</P><P>Nachdenklicher stimmt ein Projekt, das Hartl und Tworek ebenfalls der Öffentlichkeit vorstellten. Zur Erforschung der Geschichte des Hildebrandhauses wurde vom Kulturreferat und der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern ein Rechercheauftrag vergeben. Warum von der Kirche? Als Dietrich von Hildebrand, Sohn des Bildhauers Adolf von Hildebrand, vor den Nazis ins Exil floh, verkaufte er die Villa an Elisabeth Braun, Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die zum Christentum konvertiert war. 1939 zog sie in das Haus ein. Für diese Zeit ist belegt, dass zahlreiche jüdische Münchner ebenfalls dort wohnten, die 1941 wie Braun deportiert wurden. Diese hatte das Haus in ihrem Testament der evangelischen Landeskirche vermacht, die es "für nichtarische Gläubige, Einzel-Nichtarier oder Rasse-Mischehen zur Verfügung stellen" sollte.</P><P>Wer zwischen 1941 und 1948 das Haus verwaltete, in dem Künstler arbeiten konnten, ist noch unbekannt. Nach 1948 wurde es jedenfalls nicht dem testamentarisch verfügten Zweck zugeführt, 1967 verkauft und später von den Münchner Bürgern vor dem Abriss gerettet. Die dunklen Lücken soll jetzt das Foschungsprojekt schließen, das sich auch aus der Ausstellung "München arisiert" vom Frühjahr ergeben hat.</P>

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