Glücksfall der Operngeschichte

Modena - Die Musikwelt hat auf Halbmast geflaggt: Luciano Pavarotti, einer der größten Tenöre der Operngeschichte, ist gestern gestorben. Kurz vor seinem 72. Geburtstag hat er den Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsen-Krebs verloren.

"Verschwinde, Nacht! Geht unter, Sterne! Zum Sonnenaufgang werde ich siegen!" Und dieses "Vincerò" wurde im Laufe seiner Karriere zum Erkennungszeichen. Eigentlich war Kalafs hohes "H" von Puccini nur als kurze Durchgangsnote gedachte. Doch bereits in seiner CD-Aufnahme der "Turandot" peilte Luciano Pavarotti den Rekord an: Sechs Sekunden hielt er den Ton. Überrumpelnd schön, ein gleißender Silberstrahl, ungefährdet, mit geradezu unverschämter Mühelosigkeit. Zweifellos ein Sieg. Über alle Kollegen und die Niederungen der Gesangstechnik. Und ein alle Zuhörer überwältigender Moment: Dies war Klang gewordene Erotik.

Pavarotti, der am 12. Oktober 1935 in Modena geboren wurde, konnte ständig solche Momente bescheren, schon von Karrierebeginn an. Legendär sind seine neun hohen Cs, die er locker in Tonios Arie aus der "Regimentstochter" von Donizetti abschoss und nach denen ihm Mailand, London und New York zu Füßen lagen. Denn dort, wo sich andere mit blutenden Stimmbändern plagten, da fing der Italiener erst an.

Ganz falsch wäre es nun, Luciano Pavarotti als einen Art Extremisten im Bereich der vokalen Stratosphäre zu begreifen. Als "Nur-Virtuosen" womöglich. Sicherlich gab es Tenöre, die feinsinniger, wohlerzogener gestalteten. Was Pavarotti aber über alle andere erhob und seine späteren Erfolge in Hallen und Stadien erst recht plausibel machte: Er verfügte wirklich über eine Stimme des Volkes. Offen, ungedeckt, ehrlich und von natürlicher Brillanz. Das Ungekünstelte, Direkte im Klang machte ihn so gewinnend. Ebenso wie die genüsslich geschlossenen Augen und die weit ausgetreckten Arme, mit denen er nach jeder Arie am liebsten Millionen umschlungen hätte. Eine Pose, gewiss. Aber eine aus tiefstem Herzen.

Dabei hatte Pavarotti über einen Umweg die Bühne betreten. Der Papa, ein Bäckermeister aus Modena, war zwar ein exzellenter Sänger, der den Sohn ermunterte. Doch der junge Luciano glaubte nicht an seine stimmlichen Fertigkeiten. Er studierte Pädagogik, arbeitete als Volksschullehrer, mochte in der Freizeit dennoch vom Singen nicht lassen. Als der Berufsfrust wuchs und die Musik immer mehr lockte, besann er sich. Ein Glücksfall der Operngeschichte. 1961 gewann Pavarotti prompt einen Wettbewerb und debütierte im selben Jahr am Teatro Reggio Emilia in einer seiner späteren Glanzrollen: als Rodolfo in Puccinis "La Bohème".

Was nun folgte war eine unvergleichliche Karriere, die ihren entscheidenden Schub vom Massenmedium Schallplatte erhielt. Denn in den 60ern wurde ein Partner für Sopranistin Joan Sutherland gesucht, der mit ihr das große Belcanto-Repertoire einspielen sollte. Pavarottis leichtgängige, höhensichere Stimme passte da wunderbar, und schon bald ließ er die Diva in Sachen Popularität und Können weit hinter sich.

Zwar wandte sich Pavarotti einem breiten Repertoire von Mozart bis zum Verismo zu. Doch stilbildend wurde er bei Partien, die vor allem mit ihm selbst zu tun hatten. Mit seinem Charakter, seiner Herkunft, seinem barocken Lebensstil, seiner Selbstironie. So etwa der leichtlebige Herzog aus Verdis "Rigoletto", der sorglos-diesseitige Riccardo aus seinem "Maskenball" oder der bauernschlaue, treuherzige Nemorino aus Donizettis "Liebestrank".

Dass Pavarotti in der zweiten Karrierehälfte nach mehr und Schwererem drängte, dass hier die Selbsteinschätzung nicht immer funktionierte, sei auch nicht verschwiegen. "Meine Stimme verlangt nach Donizetti, ich aber will Verdi", gab er einmal zu. Mit dem Ergebnis, dass zum Beispiel die konzertanten "Otello"-Aufführungen unter Georg Solti eher unter Kuriosa verbucht werden müssen.

Fotostrecke:

Mit den Jahren gesellte sich zur XXXL-Stimme ein ebensolcher Körper. "Vor einem Teller Fettucine alla panna kann ich einfach nicht nein sagen", gestand Pavarotti. Was bedeutete, dass seine Kunst immer mehr vokales statt darstellerisches Ereignis wurde. Die Rückenprobleme nahmen in den 90er-Jahren zu, die Absagen auch. Und als der Italiener etwa an der Deutschen Oper Berlin noch einmal als Cavaradossi in Puccinis "Tosca" auftrat, mussten sich die Abendspielleiter eine besondere Inszenierungsversion ausdenken: Alle paar Meter wurde ein Stuhl platziert, damit sich "Big P." ausruhen konnte.

Pavarottis Kunst begeisterte nicht nur die Massen, sie war stets auch ein Massenereignis. Schon 1978 wurde sein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall landesweit übertragen und erreichte eine für die Klassik damals astronomische Quote von zwölf Millionen Zuschauern. Der 7. Juli 1990 markierte dann für "Opera's Golden Tenor", wie ihn das Time-Magazin in einer Titelgeschichte bezeichnete, den Karrieresprung. Anlässlich der Fußball-WM in Italien bildete Pavarotti mit Plácido Domingo und José Carreras erstmals "Die drei Tenöre". Die darauf folgende Konzertserie wurde der größte Erfolg der Klassikvermarktung, jedes Drittel des Trios kam auf einen Stundenlohn von rund 250 000 Euro. Und je mehr Gagen kassiert wurden, desto größer wurde auch die Kritik. Doch dieser "Abstieg in den Erfolg", wie gehöhnt wurde, sorgte nicht zuletzt für eine Breitenwirkung des Mediums Oper: Wer noch nie Verdi oder Puccini genoss, sah sich nun zu dieser Musik verführt.

Immer wieder sang Pavarotti bei diesen "Events", zum Teil sekundiert von den Kollegen, Kalafs "Nessun Dorma", das fast zu seiner Hymne wurde. Eine Rolle übrigens, wie paradox, die er nie auf der Opernbühne gesungen hat, wohl wissend, dass er sich live gegen Puccinis Chor- und Orchestermassierungen kaum durchgesetzt hätte.

Mit dieser Arie hatte der Tenorissimo auch seinen letzten, stimmlich geschwächten Auftritt. Am 10. Februar 2006, bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin, betrat Pavarotti die Stadionbühne. Kurze Zeit später die schlimme Diagnose: Bauchspeicheldrüsen-Krebs (siehe "Tägliche Medizin", Seite 19). Er wurde operiert, kehrte in sein Haus in Modena zurück, wurde vor wenigen Wochen wieder mit Fieber ins Krankenhaus gebracht, bevor er gestern Morgen starb.

Doch an jenem Turiner Februartag des Jahres 2006 hatte Luciano Pavarotti noch einmal die Nacht zum Verschwinden gebracht und die vokale Sonne aufgehen lassen. Milliarden sahen damals weltweit zu, ahnten, dass der Abschied nicht mehr fern sein würde. "Vincerò" - es war sein letzter Sieg.

Kondolenzbuch, prominente Trauerfälle und Traueranzeigen aus der Region auf www.trauer.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Filmfest München würdigt Sofia Coppola
Unübliche Welten, besondere Beziehungen: Das Filmfest München hat Sofia Coppola für ihre eigene Filmsprache gewürdigt.
Filmfest München würdigt Sofia Coppola
Der Freundeskreis bringt die Münchner in Wallung
Freundeskreis feierten beim Tollwood-Festival mit Joy Denalane sowie den Rappern Afrob und Megaloh ihren alten und neuen Erfolg.
Der Freundeskreis bringt die Münchner in Wallung
Don Giovannis Kampf mit Gott
Die vielen Frauen genügen ihm nicht mehr, als finale Herausforderung sucht dieser Don Giovanni den Kampf mit dem Gekreuzigten. Herbert Föttinger inszenierte Mozarts Oper …
Don Giovannis Kampf mit Gott
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach

Kommentare