Ein Glücksjahr für Tierliebhaber

- Zwei Freunde hatte Franz Marc, die seine Liebe zu Tieren als Motive für die bildende Kunst besonders teilten. Auch wenn in Wassily Kandinskys Schaffen Pferd und Reiter ihren festen Platz haben, gehörte er nicht zu den speziellen Tierliebhabern. Schon 1904 hatte Marc den Schweizer Jean-Bloé´ Niestlé´ (1884-1942) kennen gelernt. Der entwickelte eine höchst realistische, zugleich traum-elegische Darstellung von Vögeln in ihrer heimischen Umgebung. Das Münchner Lenbachhaus, das eine große Franz-Marc-Retrospektive für 17. September bis 8. Januar plant (unsere Zeitung ist Medienpartner und berichtet mehrfach), hatte diesen Maler 1998 vorgestellt.

Rettung durch den Berliner Sammler

Mit Niestlé entdeckte Marc übrigens auch das Loisachmoos beim Kochelsee, seine Inspirationslandschaft. In der ließ er sich schließlich (Sindelsdorf, Ried) nieder.

Der andere Freund war ein junger Maler aus Bonn, der 1910 ein Jahr lang am Tegernsee wohnte. August Macke (1887-1914) hatte in der Münchner Kunsthandlung Joseph Brakl Lithografien von Franz Marc gesehen und war hingerissen. Sofort besuchte er den Kollegen in dessen Atelier in der Schellingstraße. Es entstand nicht nur eine innige Beziehung, die außerdem künstlerisch äußerst fruchtbar wurde, sondern auch eine lebenspraktische. Durch Macke wurde der Berliner Sammler Bernhard Koehler, der Onkel von Mackes Frau Elisabeth, auf Marc aufmerksam. Schon im gleichen Jahr kaufte er ihm Bilder ab und setzte ihm monatlich 200 Mark aus (zur Verrechnung mit weiteren Erwerbungen). Eine riesige Erleichterung für den Bayern. In diesem Glücksjahr konnte der seine erste Einzelausstellung präsentieren (bei Brakl). Und Marc engagierte sich für die fremdartige, umstrittene Ausrichtung der "Neuen Künstlervereinigung München".

Dieser Einsatz brachte ihn wieder einen gewaltigen Schritt weiter. Denn dadurch traf er mit den Paaren Gabriele Münter und Kandinsky, Alexander Jawlensky und Marianne von Werefkin zusammen (Januar 1911). Schon im Juni korrespondierte er mit Kandinsky über dessen Plan, einen Almanach herauszugeben, der neuartige ästhetischen Vorstellungen wiedergeben sollte. Die Mackes stießen im Oktober dazu. Und auch Freund Niestlé´ lebte mit seiner Marguerite Legros in der Nachbarschaft. Der Almanach, "Der Blaue Reiter" getauft, nahm Gestalt an - und damit auch die Künstlergruppe gleichen Namens. Marc hatte da bereits seine zweite große Schau bestritten, noch dazu in der legendär gewordenen Galerie Heinrich Thannhausers. 24 taufrische Gemälde waren zu sehen, darunter das radikal anmutende "Affenfries". Es kommt von der Hamburger Kunsthalle zur Ausstellung ins Lenbachhaus/ Kunstbau.

Elisabeth Macke erzählt in einer Anekdote, dass ihr Mann dem Freund Franz den sandigen Bonner Exerzierplatz der Husaren schilderte. Die rennenden Soldaten hätten ihn an eine leichtfüßige Affenherde erinnert. Davon ist im Gemälde nur noch die gelbe Erde geblieben, die aber fast ganz überwuchert ist von blaugrünen Bodenwellen und lanzettförmigen Blättern. In der Ferne stehen vor einem fahlen Himmel feuerrote Berge. Sehr knapp gehalten sind diese Ruhezonen. Was zählt, ist die Dynamik an sich. Gegen die gewohnte Leserichtung hetzt Marc die Horde schlanker Baumbewohner von rechts oben nach links unten. Eigentlich in Zweigen, Wipfeln oder Felsen heimisch laufen sie jetzt auf gefährlichem Terrain: am Boden. Schnelligkeit und Zielgerichtetheit sind für die Gruppe notwendig, um aus dem Lebensraum der Raubtiere unversehrt herauszukommen. Der Maler zeigt keine verspielten, amüsanten Tier-Animateure, sondern eine ernste, verantwortungsbewusste "Gesellschaft". Das Individuum fügt sich komplett ein in den einen Fluss aus vielen gleichartigen Leibern.

Der nach oben gewendete Schwung der dunklen Rücken- und Schwanzbehaarung erzeugt wie der umgekehrte Schwung der Bodenwellen eine straffe serielle Struktur, die weit in die Kunst nach 1945 verweist. Mit den fröhlichen Paradies-Vorstellungen, die Marc zusammen mit Macke schuf, hat der "Affenfries" nichts zu tun. Franz Marc "dokumentierte" Verhaltensformen dieser Tierart, verwandelte sie dabei aber zu einem Kunstwerk, das vor allem Bewegung und Gegenbewegung, hohes Tempo und Beharren, Verwirrung und Ordnung allgemeingültig formulierte. Überzeugender als die Futuristen, die gern technoide Geschwindigkeit inszenierten, gelang Marc durch Widersprüchlichkeit, das zu schildern, was der bildenden Kunst lange widersprach (bis Mobile und Video kamen): Bewegung. Konsequent, dass Franz Marc das Gemälde so anlegte, dass es sich potenziell unbegrenzt denken lässt.

Solch eine Reihung probierte der Künstler im gleichen Jahr an wesentlich ruhigeren Viechern aus. Im Marc-Museum in Kochel befindet sich der "Eselfries" in Rosa und Nachtblau. Die Kunsthistoriker ordnen ihm einen ganz alten "Kollegen" zu: ein ägyptisches Relief von 2700-2600 v. Chr. In dieser "Verarbeitung" erkennt man wunderbar, wie Franz Marc ganz im Sinn des "Blauen Reiter" weltkulturell gedacht hat. (Wird fortgesetzt.)

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