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Blick in die Ausstellung.

Caligula und Co.

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Die Münchner Glyptothek zeigt die atemberaubende Ausstellung „Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt“

München - Eigentlich wäre es höchste Zeit, dass Helmut Kohl eine Ehrenstatue erhält. Da sind sich die Archäologen in der Münchner Glyptothek einig. Aber wir sind nicht im Alten Rom. Also halten wir uns an die Erfinder des Porträts – des Bildnisses, das individuelle Züge trägt –, und das sind die Griechen, wie Museumschef Florian S. Knauß anmerkt. Da die Antikensammlungen dank Ludwig I. einen international einmaligen Bestand an derartigen Kunstwerken haben, können sie die Ausstellung „Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt“ ganz groß hinlegen. Beim ersten Blick darauf ist man wirklich geplättet. Mischt sich der Besucher unter die Herrschaften auf ihren Stelen (auf den hölzernen sind die Leihgaben), bemerkt man die Gruppierungen, Zusammenhänge werden klar, und es entsteht ein anmutiger Rhythmus, der durch drei Säle gleitet.

Der „Stratege“ war ein wichtiger Beamter in Athen.

In der Glyptothek bietet man 130 Köpfe aus eigenen Besitz auf – 40 davon wurden aus dem Depot geholt – sowie 30 Leihgaben aus den besten Antikenmuseen der Welt, darunter den Kolossalkopf des Konstantin aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Er markiert vor dem Goldbild das Ende der Schau und damit den Übergang von der Spätantike zum Mittelalter. Kurator Christian Gliwitzky weist denn auch schmunzelnd auf den vergeistigten Blick des christlichen Kaisers hin. Den Beginn der Ausstellung erreicht der Betrachter aber mitten im Museum nach den Ägineten. Noch hier wird man von einem Beamten begrüßt, der den Helm zurück auf den Kopf geschoben hat; oft soll er Perikles darstellen. Der Athener Politprofi war „Stratege“, also demokratisch gewählter Militärfachmann. Die anderen Athener Beamten bekamen ihren Posten durchs Los. Mit dem Typus des „Strategen“ startet der Betrachter die Zeitreise durch 1000 Jahre Porträt im 5. Jh. v. Chr.

Vorher war strenge Stilisierung angesagt und nachher, im Mittelalter, wieder. Erst die Renaissance entdeckte das Bildnis neu und nahm die antike Tradition zum Vorbild, das – insbesondere als Büste – die folgenden Jahrhunderte prägte. Gliwitzky geht chronologisch vor, wobei sich wunderbar der gleitende Übergang von der griechischen zur römischen Menschendarstellung ergibt. Zugleich fasst der Wissenschaftler Gruppen thematisch zusammen. Bei den Griechen die Dichter und Philosophen, die fast Alexander den Großen verdrängen. Sind diese Intellektuellen schon knorrige Gesellen, zeigen sich die römischen Republikaner zunächst noch kantiger (1. Jh. v. Chr). Da finden sich intensive psychologische Studien.

Caligula - Der Kaiserkopf ist eine Neuerwerbung.

Dabei war das, was wir heute aus den Gesichtern lesen, den antiken Menschen nicht wichtig. Es ging nicht um intime Seelendetails, sondern darum, wie man sich nach außen darstellte. Jedes Porträt war ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, das die Person und/oder deren Familie heraushob. Damit wurden auch klare Image-Strategien ausgeheckt. Signalisierten die Republikaner-Antlitze durch ihre Furchen Alter und damit Erfahrung, postulierte der glatte Augustus selbst im Alter, dass ihm die Zeit nichts anhaben konnte. Mode spielte ebenfalls eine Rolle. Mal waren die Haare eher natürlich, mal kringelten sich die Löckchen, bis die Steinmetzkunst heiß lief. Besonders die Damen in der späten Kaiserzeit zeigten Erstaunliches. Im Übrigen gibt es wenige Frauenporträts. Wenn jedoch eine Kaiserin für den Fortbestand der Dynastie sorgte, war ein Porträt fällig. Es wurde im Lauf der Lebensjahre stetig variiert. So gibt es von Faustina (Marc Aurels Gattin) elf Bildnistypen. In solch adeligem Clan-Zusammenhang finden sich auch liebevolle Kinder-, sogar Babyporträts.

Überhaupt sollte der Betrachter all diese öffentlichkeitswirksamen Postulate durchaus als Kunstwerke wahrnehmen. Kunst ist raffiniert und entwindet sich oft dem Auftraggeber. Deswegen begegnen uns in vielen „berühmten“ Gesichtern Menschen, die wir auf dem Königsplatz genauso wie am Hauptbahnhof treffen könnten. Caligula allerdings würde mit seinem Kranz im Haar auffallen. Der in Spanien ausgegrabene Kopf ist eine Neuerwerbung, die stolz präsentiert wird und die bayerische Bildnissammlung bereichert.

Bis 14. Januar 2018,

Di.-So. 10-17, Do. 10-20 Uhr; Telefon: 089/ 28 61 00;

Katalog: 29,90 Euro.

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