Der Römersaal der Glyptothek in München.
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Der Römersaal in voller Pracht mit den kaiserlichen Familien, die in Gruppen chronologisch in Szene gesetzt wurden.

Museumschef Florian Knauß über Feinheiten des „Tempels“

Eröffnung wieder verschoben: Wir laden zum exklusiven Online-Rundgang durch die sanierte Glyptothek

  • Simone Dattenberger
    vonSimone Dattenberger
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Alles hätte so schön sein können – ein idealer Start für die Münchner ins Jahr 2021: die Wiedereröffnung der Glyptothek. Erneut musste die Eröffnung wegen der Pandemie verschoben werden. Sie können trotzdem einen Blick in die Skulpturensammlung werfen: bei unserem exklusiven Rundgang!

Um die Trauer zu mildern, laden Museumsdirektor Florian Knauß und wir unsere Leser ein zu einem Rundgang durch die neue alte Glyptothek (errichtet 1816-1830). Ändern muss man das wunderbare Haus nicht, es musste nur aufgefrischt werden, und zwar so, wie es im Sinne der Erbauer Ludwig I. und Leo von Klenze gewesen wäre.

Florian Knauß, Direktor der „Antike am Königsplatz“, zeigt uns sogar das Depot im Keller.

Knauß empfängt einen sichtlich glücklich und stolz, auch wenn er den für Museen unsinnigen Lockdown beklagt. Morgen werde das Haus übergeben, ein dreiminütiger Film werde danach auf die Homepage gestellt; eine längere Filmdokumentation der Sanierungsmaßnahmen folge im Sommer oder Herbst. So gelassen der Chef hier bleibt, weil die Freude überwiegt, so zornig ist er auf die Stadtregierung Münchens. Mit der IAA heuer und schlimmer den European Championships 2022 setze man ihm „Abrisstrupps“ vors Haus. Niemand von der Stadt habe bei ihm nachgefragt, obendrein ignoriere sie die Neins zu Auto- und Sportspektakel von Bezirksausschuss und Denkmalschutz. „Alle sind dagegen, aber es wird gemacht – das ist nicht mein Verständnis von Demokratie.“ Das Museum müsse sogar im August 2022 für einen Monat schließen. „Wir werden nur als hübsche Staffage gesehen.“

„Der Königseingang“, die Nordfassade, wurde aufgewertet durch Malerei, die den Stein der Südfassade imitiert.

Dass Knauß beides zu Recht als banausische Fehlentscheidungen betrachtet, beweist die „neue“ Glyptothek mit voll erstrahlender Feinheit. Ihre Fassaden – die zwei Hauptfassaden sind fertig – schauen nun nicht mehr arg heruntergerockt aus. Sie atmen den vornehmen Klassizismus, der ein griechischer Tempel sein wollte. Es ging bei der Außensanierung also nicht nur um herabstürzende Steinbrocken, sondern „wesentlich war die baugeschichtliche Dokumentation“, so Knauß. Kein Wunder, dass er – kaum ist man angekommen – begeistert von den wieder sichtbar gewordenen Pressfugen spricht.

Die hat man an der Glyptothek noch nie beachtet und hätte es auch weiterhin nicht getan. Jedoch: ohne Pressfugen kein Tempel-„Feeling“. Denn die alten Griechen arbeiteten bei ihren Götterhäusern mit Trockenmauerwerk (kein Mörtel). Klenze wollte dieselbe Anmutung. Für die Seite zum Königsplatz hin durfte es sogar Untersberger Marmor sein. Aus Spargründen aber nur da; die anderen Fassaden bestehen aus Ziegeln und bemaltem Putz. Diese Malerei ahmte einst die Steinquader und deren sanftes Farbenspiel nach. Also: Unbedingt die Nordfassade, ist ja der „Königseingang“, ganz nah anschauen und die exzeptionelle Handwerkskunst des Malers bewundern! Die optische Schnitzeljagd lohnt sich genauso bei anderen architektonischen Details, den kleinen und großen Verzierungen. Hier werden Kanten und Gesimse elegant betont, dort stehen imposante Giebelfiguren, nun ergänzt um Gefäße und eine kleine ägyptische Figur.

Die Ägineten sind die berühmtesten Figurengruppen der Glyptothek. Die Skulpturen des einen Giebels – Athene im Trojanischen Krieg – sind fast ausgepackt.

Tempelgerecht ist jetzt außerdem der Zugang: schmale Treppe für die Menschlein. Danach im Innenraum fühlen sich Münchnerin und Münchner wie daheim, denn es gibt keine einschneidenden Veränderungen. Bis auf das Licht. Nach dem Austausch des Fensterglases (Weißglas) und dem Absaugen aller Wände ist die wunderbare Atmosphäre noch um einiges sphärischer – trotz des trüben Schneetages beim Besuch der Fotografin und der Autorin. Im Angesicht des Barberinischen Fauns, der Ägineten, des Buberls mit der Gans oder des Apolls ist das ohnehin vergessen. Freilich mehr noch, weil wir in alle Räume gehen durften – sogar in solche, die später keinem Außenstehenden zugänglich sein werden. Das gilt für das Zimmer des Oberaufsehers im Dach und die Küche des Cafés im Keller, aber vor allem für Technikräume dort, die Werkstatt und das Depot.

Der Römersaal vor der Neueinrichtung; die die Kunst schützende Einhausung ist zu sehen.

Was da genauso wie bei den Garderoben, Toiletten, Teeküchen und bei anderem auffällt, ist die kluge, pragmatische Raumnutzung, die im Zusammenwirken von Glyptotheksteam, Staatsbauamt München I und dem Architekten Andreas Hlawaczek geglückt ist. Dazu kommen angenehme Elemente wie Terrazzoböden und Holz. Dadurch dass die großen Figuren eingehaust und zusammengeschoben im Museum bleiben konnten, sparte man laut Knauß eine hohe Millionensumme und schonte die Kunstwerke. Zeit- und Finanzrahmen (zwei Jahre; 17 Millionen Euro) wurden eingehalten. Sicherheits- und Haustechnik sind nun auf dem neuesten Stand – und das Café hat eine Küche bekommen.

„Café“ ist das Stichwort, bei dem Florian Knauß weiß: „Das ist für die Münchner ganz wichtig.“ Es bleibt so, wie es war. Allerdings gibt es endlich vieles, was es Rollstuhlfahrern leichter macht – bis hin zu den aufgefüllten Pflasterfugen im Innenhof, damit sich die Räder nicht mehr verfangen. Außerdem: Die neue Kaffeemaschine wird nicht mehr so ohrenbetäubend dröhnen, dass alle Gespräche ersterben. Der nun im Schneeschlaf liegende Hof wird wieder lauschig sein, zwar ohne Wilden Wein, dafür mit Kletterrosen und Bäumen.

Orientierungsplan für das Ausstellungsteam, wo welches Kunstwerk positioniert werden soll.

In den Sälen selbst wird zwischen Kabeln, Noppenfolie, Kisten, Wasserkochern und Styropor gerade ausgepackt, geputzt, positioniert, gemalt, Elektrik kontrolliert. Der Faun ist in seiner sinnlichen Pracht schon von der Verschalung befreit. Die eine Giebelgruppe des Aphaia-Tempels auf Ägina ist fast enthüllt, die andere steckt noch im Papier. Im Römersaal geht einem das Herz auf. Er ist fertig und dezent neu inszeniert: im Hinblick auf Schüler und Lehrer, so Direktor Knauß, chronologisch von den Republikanern über Augustus und Nero bis zur Spätantike. Die Rhythmisierung in Gruppen beflügelt einen mehr als bisher.

Da wünscht man sich als Besucherin die Eröffnung gleich noch stärker herbei. Zumal darüber hinaus die Kunstwerke für die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ in ihren Transportkisten schon ungeduldig werden – genauso wie die (archäologisch inkorrekt) ergänzten Ägineten des dänischen Bildhauers im Depot. Florian Knauß hofft nun, dass er am 16. Februar im „schönsten Museum Münchens“ das Publikum empfangen darf.

Informationen:

www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de

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