Das war gnadenlos real

Christoph Schlingensief über seine Krebserkrankung, Katholizismus, Künstler und Gott.

Der Regisseur Christoph Schlingensief (47) meldet sich nach einer längeren krankheitsbedingten Pause wieder zurück und stellt bei der RuhrTriennale in Duisburg ein "Fluxus-Oratorium" mit dem Titel "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" vor. Premiere ist am 21. September.

Sie bauen in der Duisburger Halle die Kirche Ihrer Kindheit in Oberhausen nach. "Kirche der Angst" war auch schon ein früheres Projekt von Ihnen. Ist das jetzt die Fortsetzung und mit welchem Ziel?

Es ist mir ein altvertrautes Gelände, wo ich auch schon 1990 "Das deutsche Kettensägenmassaker" gedreht habe. Aber ich präsentiere nicht meine Memoiren auf der Bühne, sondern kehre mit dieser Arbeit an den Altar zurück, an dem ich als sechsjähriger Messdiener gescheitert bin. Es ist also die Rekonstruktion der ersten Angst, wenn man so will. Und ich will auch wissen, ob ich mit meiner Krebserkrankung noch mal gescheitert bin oder ob Scheitern, wie ich früher gerne gesagt habe, eben auch eine Chance bedeutet. Zum Beispiel für einen Neuanfang.

 Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an. Es macht mir große Freude wieder zu arbeiten, und ich habe eine große Lebensfreude, auch wenn mich noch immer sehr viele Dinge bedrängen und viele Fragen an Gott, ans Leben, an das Leidwesen unseres Menschsein entstanden sind, die ich mir sonst nie gestellt hätte.

Haben Sie heute also andere Ängste als früher, und ist die "Kirche der Angst" heute eine andere für Sie?

Die "Kirche der Angst" entstand zurzeit der New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001, wo jeder jeden verdächtigt hat. Hier auf der RuhrTriennale geht es um viel individuellere Fragen. Eine ganz persönliche Angstkirche. Eine Weiterentwicklung des Gottesdienstes, wo nicht mehr nur noch nachgebetet wird und jede persönliche Haftung ausgespart bleibt. Ich lebe wie alle Menschen in meiner eigenen Angst, die niemand nachempfinden kann, und ich habe eine große Angst vor der Welt, die ich aber gleichzeitig auch liebe. Mir geht es wieder gut, ich kann wieder arbeiten, ich habe Spaß am Leben und der Arbeit, auch wenn ich manchmal noch Ängste habe, kalte Füße sozusagen. Ich denke viel nach und bin manchmal auch melancholisch, aber ich liebe das Leben.

Ihr Leben hat sich aber stark verändert, Ihre Einstellung zum Leben?

Natürlich, ich musste erst einmal lernen, mit so einer Krankheit umzugehen. Ich war ja praktisch mit meiner Arbeit bis dahin quasi in einem Hochgeschwindigkeitsrausch und wurde plötzlich angehalten, mit einem Fleck auf einem Röntgenbild. Man kann es erst einmal nicht fassen und denkt an Tuberkulose oder Lungenentzündung oder eine Pilzinfektion aus dem brasilianischen Urwald, wo ich im vergangenen Jahr auch gearbeitet habe. Da knallt es plötzlich im Leben und alle Sicherungsmaßnahmen sind erst mal außer Kraft gesetzt, auch das Verhältnis zu mir und darüber hinaus zu meinen Freunden, meiner Lebensgefährtin, meinem verstorbenen Vater und meiner kränkelnden Mutter, da ging es nicht mehr um eine direkte Auswertung wie bei manchen Arbeiten im Film, auf der Bühne, der Oper oder in der Kunst; nicht alles ist Kunst.

 Das da war gnadenlos real, und viele Simulationen unserer Gesellschaft bis hin zu Teilen der eigenen Arbeit waren kaum noch zu ertragen. Und dann die Diagnose, Lungenkrebs, es ist kein Raucherkrebs, ich gelte als Nichtraucher - und auch in der Familie kein Lungenkrebs. Es nennt sich Adenokarzinom. Basta. Das ist alles. Weitere Daten des unwillkommenen Schmarotzers gab es nicht.

Wie hat der Katholik Schlingensief das verarbeitet?

Da tauchte wieder die alte Angst des sechsjährigen Messdieners vor dem Altar auf mit der Frage: "Was habe ich denn falsch gemacht?" Man sucht als Christ und erst recht als Katholik die Schuld doch zuerst bei sich selbst, Krankheit als Bestrafung. Natürlich habe ich in meinem bisherigen Leben extrem um Anerkennung gekämpft. Mir war wahnsinnig wichtig, dass ich geliebt werde, auch von meinen Eltern, dass sie sehen, aus ihrem Jungen ist doch was geworden. Der große Junge ist sich aber innerlich noch immer fremd. Ich konnte nie im Leben sagen, ob ich ein guter oder ein böser Mensch bin, das weiß ich immer noch nicht, das ist mir auch durch die Krankheit nicht klarer geworden.

Da kann Ihnen auch die Kirche nicht helfen?

Ich bin als Christ erzogen worden, aber Gott und auch Jesus waren mir immer wieder fremd, und die Kirche viel zu seicht, viel zu weinerlich, ein Riesenproblem. Ich kann mit dem katholischen Kram eigentlich nicht mehr im angelernten Sinne umgehen, auch wenn mir der Katholizismus noch immer näher ist, er ist greifbarer, archaischer, unangenehmer, er stinkt und fasziniert mehr als mancher Calvinismus oder trockengelegte Sektenkram. Aber wenn ich das große Leid auf der ganzen Welt und in vielen persönlichen Tragödien auf den Krankenhausstationen oder Chemo- und Strahlen-Wartezimmern sehe, dann geht mir das jetzt noch stärker unter die Haut. Das war derart stark, dass ich dadurch meine zunächst lebensbedrohende Erkrankung doch relativieren konnte. Es gibt immer Schlimmeres, aber was ich erlebt habe, kam mir wie eine Art Vorhölle vor. Und ich hoffe, dass mir das im Fegefeuer angerechnet wird, auch wenn der Papst da anderen Unfug verbreitet.

Kann die Kunst eine Rettung sein so wie die Religion?

Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter Künstler. Wenn ich jetzt etwas länger hinschaue, Gefühle nicht mehr nur oberflächlich abperlen lasse, dann frage ich mich, ob ein Schöpfer wie Gott als Künstler versagt hat. Sein Werk ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau da hilft sie Gott. Der gescheiterte Künstler Gott bekommt Hilfe! Die Kunst wird zur Religion. Ich bin nicht Gott, und Gott kann nicht malen! Gott sei Dank! Und trotzdem habe ich Angst, so etwas zu denken.

Welche Rolle hat dann Richard Wagners christlich-mythisches Werk "Parsifal", das Sie für die Bayreuther Festspiele inszeniert haben, gespielt?

Ich bin damit in eine gewisse Todesnähe gerutscht, die mich stark angegriffen hat! Die andauernde Beschäftigung über Jahre mit dieser Todesnähe im Parsifal-Stoff, das wurde fast zu viel. Wenn man permanent auf eine Stelle haut, dann wird sie wund und bricht irgendwann mal auf. Ich habe mir in den Jahren in Bayreuth, als der Krebs schon zu wachsen begann, ein paar Dinge erlaubt, die nicht zu meinem Naturell gehören. Dagegen lehnt sich auch der Körper auf. Man fährt wahrscheinlich sehr oft nach Bayreuth nicht um zu leben, sondern um zu sterben.

Es gibt ja Dirigenten, die "Tristan und Isolde" nicht dirigieren wollen, weil sie meinen, dass sie danach sterben würden. Ich würde diese Oper gerne inszenieren. Und nicht, um zu sterben, sondern um der Liebe ein Denkmal zu setzen! Und um zu sehen, wie weit man in der Kunst bei lebendigem Leibe kommen kann. Wagner hat ja in diesen Werken die Liebe und den Tod sozusagen an die Kunst delegiert, um selbst zu überleben. Andererseits überlebt die Macht der Liebe, die ja im Leben sehr flüchtig sein kann. In der Musik aber wird sie zeitlos, ewig und im besten Falle unsterblich. An solchen Fragen zu arbeiten ist toll. Und deshalb bin ich auch trotz allem froh, dass ich den "Parsifal" gemacht habe, es war letztlich ein großer Schritt zur Kunst und wie Joseph Beuys sagen würde: zur Ich-Erkenntnis.

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