Gnadenloser Engel

- Etwas Unentschiedenes sitzt im Leser. Bald vollführt es in der Magengegend Luftsprünge des Amüsements, bald fordert es Tränen der Gerührtheit, niemals hat es genug vom Auf und Ab der freudigen Erwartung der nächsten Zeilen. Dieses unentschiedene Etwas ist das Kompliment an eine Autorin, die es fertig bringt, in ihrem neuen Roman ein schweres Stück deutscher Vergangenheit in der Schwebe zu halten zwischen bitterem Galgenwitz und frommem Dank, zwischen bissiger Nachrede und süßer Euphorie.

Staubtrockenerund köstlicher Humor

Irene Dische erzählt eine jüdische Geschichte. Vielmehr überlässt die Autorin ihrer toten katholischen Großmutter aus dem Rheinland das Wort. Und, wie der Titel verspricht, "Großmama packt aus", gnadenlos: ihre gesamte Lebensgeschichte, die sich zu bewegen beginnt, als sie den oberschlesischen jüdischen Chirurgen Carl Rother heiratet. Sie berichtet und (v)erdichtet. Ein heikles Unterfangen für ihre Enkelin, die sich in ihrem eigenen Roman noch aus dem Grabe heraus einiges von ihrer Großmutter gefallen lassen muss.

Ein köstlicher, staubtrockener Humor zieht sich als roter Faden durch das Buch und "Großmamas" abenteuerliche Biografie. Er zieht vorbei an ihrer regelmäßigen Ahnung, nun sei das Jahr ihres Ablebens gekommen; er umschlingt ihr Schimpfen auf das Erbgut: auf die "unappetitlichen Gene" ihres Schwiegersohnes Dische (er sollte ein berühmter Biochemiker werden), auf die zu schwächlichen oder zu zähen, jedenfalls zu unkatholischen Charaktere ihrer zwar hochbegabten, doch dafür umso seltsameren Kinder und Kindeskinder.

Aber die beherzte Frau thront ihr 96-jähriges Leben lang als sarkastischer Schutzengel über ihnen. Mutig trotzt sie den Nazis in Deutschland, trotzt den Antisemiten in der neuen Heimat Amerika, trotzt Krankheit und Verdruss. Trotzt auch den Männern und erklärt ihrer Enkelin Irene, in ihrer Familie habe Gott mit den Frauen etwas anderes vorgehabt. Und richtig: Irene schwört sich, jedes Jahr ein waghalsiges Abenteuer zu bestehen.

Erdichtet oder wahr - so schwer sich Irene Dische einst vielleicht getan hat, sesshaft zu werden, umso offensichtlicher ist sie es nun: in der Sprache. Inmitten all der Medizin-, Chemie-, Musik-Genies ihrer Familie seziert sie - früher beliebtes Ziel des Familienzweifels und heute erfolgreiche Universalautorin und obendrein Regisseurin - drei Generationen sturer Frauen unter dem mikroskopischen Auge des Familienoberhaupts. Und über allem komponiert sie die unsentimentale Melodie eines Schreibtons, der so frech und unbekümmert daherkommt wie die unerschütterliche Grundehrlichkeit eines flunkernden Kindes.

Irene Dische: "Großmama packt aus". Hoffmann und Campe, Hamburg, 366 Seiten; 23 Euro. Die Autorin liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus München. Karten: 089/ 29 19 34 27.

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