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Avantgardisten: Die Band Das Weiße Pferd definiert sich als „Beat, Combat Rock, Austropop con Krauti“.

Porträt

Gönn’ dir die Freiheit

München - Die Münchner Band Das Weiße Pferd ist kantig, originell und bringt heute ihr drittes Album heraus

Altschwabing hat sich verändert. Statt Dönerbuden und verschrobener Kneipen blinken den Passanten hochglanzpolierte Läden, ein futuristischer Busbahnhof und Fitnessstudios entgegen. Kann man da noch von Münchner Freiheit sprechen? Das Weiße Pferd tut es. Das dritte Album der achtköpfigen Münchner Combo heißt „Münchner Freiheit“ und erscheint heute. Hinter dem Bandnamen, der mit „Bibi und Tina“ ebenso viel zu tun hat wie die Beatles mit One Direction, steckt eine Gruppe von Avantgardisten, die es im schicken München angeblich gar nicht geben darf.

Strubbelige Künstler mit Ideen jenseits des Handelsüblichen gehören nach Berlin, oder? Federico Sánchez und Albert Pöschl, die Gründer des Weißen Pferdes, allerdings halten es schon lang in der Landeshauptstadt aus. Pöschl betreibt unter dem Namen Echokammer ein Aufnahmestudio mit Musiklabel in Giesing und hat sich mit Bands wie Queen of Japan einen Namen gemacht. Sánchez veranstaltet mit der Künstlerin Anna McCarthy eine Lesungsreihe im Kunstverein. Bis vor wenigen Jahren war er auch Frontmann von Kamerakino. Diese Münchner Gruppe spielte höchst seltsame Musik. Krautpop traf auf Disco. Die Texte hatten Witz und waren verrückt. Einerseits wirkte die Band ultramodern – und vergraulte somit das normale Publikum. Andererseits wirkte sie so nostalgisch wie der Dadaismus – und vergraulte auch dadurch die Masse. Dem Ende von Kamerakino 2009 hat München nun Das Weiße Pferd zu verdanken.

„Mit Kamerakino als Marke kamen wir nicht mehr weiter“, erklärt Sánchez. „Die Medien steckten uns in die Schublade Gypsy-Punk, nur weil wir einen Geiger hatten.“ Kurzerhand schloss er sich mit Pöschl zusammen. Mit der Zeit stießen mehr Musiker dazu. Einige davon waren auch bei Kamerakino dabei.

Der Name Das Weiße Pferd geht zurück auf einen „Spleen“, den Sánchez um 2009 herum hatte. Überall begegneten ihm Pferde. Er saß in Marokko in einer Teestube und erfuhr dort, dass der Film „Easy Rider“ – Rider bedeutet wörtlich Reiter – gerade 40. Bestehen feierte. Kurz darauf ritt er am Strand und las in der Zeitung, dass in Paris ein entlaufenes Pferd die Champs-Élysées entlang galoppierte. Als er dann auf den Sydney-Pollack-Film „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ stieß, war es um ihn geschehen. Der Name Das Weiße Pferd steht in gewissem Sinn für den Western und den Freiheitsmythos.

Mit Country- und Westernmusik haben die acht Herren aber nichts am Hut. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Beat, Combat Rock, Austropop con Krauti“. Frei interpretiert: Die Lieder sind von den Klangwelten der Sechziger- und Siebzigerjahre, vom Beat bis zum New Wave, inspiriert und durchaus rhythmusbetont. Es geht um Auflehnung und ein Unbehagen an der heimischen Gemütlichkeit. „Wir wollten etwas Amerikanisches mit deutschen Texten machen“, erklärt Sánchez. Als Hommage an die Musik vergangener Jahrzehnte produziert Albert Pöschl die Lieder des Weißen Pferdes bewusst altmodisch: „Die heutige Musik klingt oft fett und bassig, zweidimensional. Mir aber ist der organische Klang wichtig.“

Mit dem neuen Werk hat das Oktett nun drei Alben veröffentlicht. Der Stil hat sich über die Jahre freilich verändert, wie Sánchez erläutert: „Wir setzen heute mehr auf Statements, und auch die Musik ist kantiger geworden.“ Der Titel „Münchner Freiheit“ kann als solches Statement verstanden werden: als Behauptung einer Freiheit, die die Band in einer allzu glatten, allzu gemütlichen Stadt repräsentieren will.

Natürlich verbergen sich dahinter gesellschaftliche Botschaften. Diese formuliert Das Weiße Pferd nicht als Parolen, sondern als intellektuelle Analysen. In „Straßenkämpfer“ überträgt es das Rolling-Stones-Werk „Street Fighting Man“ ins Deutsche und in einen modernen Sound. Dadurch erfährt das Stück eine Dringlichkeit, die der Stones-Oldie kaum mehr vermitteln kann. In „Akkordarbeit“ schlägt dem Zuhörer die Monotonie des Produktionsprozesses entgegen.

Vom Gehalt her besonders deutlich ist das Stück „Teutsche Machos“, eine abgründige Satire auf patriarchale Entgleisungen und das Selbstverständnis vieler Männer. Sánchez meint dazu: „Die deutsche Gesellschaft ist weit von der Gleichberechtigung entfernt.“ Die Idee zum Text kam ihm, als eine Freundin von einer Party bei einem berühmten deutschen Filmmenschen erzählte. Dieser hatte eine Schauspielerin den ganzen Abend vor versammelter Mannschaft wie selbstverständlich mit einem Wort angesprochen, das nicht nur als vulgär, sondern auch als frauenfeindlich gilt. Aus diesem Grund wird es an dieser Stelle nicht erwähnt. Auf dem Album allerdings schon. Diese Freiheit hat sich Das Weiße Pferd gegönnt.

Katrin Hildebrand

Das Weiße Pferd:

„Münchner Freiheit“ (Echokammer/ Schamoni/ Sub Up/ Indigo). Konzert: 20. Februar, 21 Uhr, Milla (Holzstr. 28). Telefon 089/ 18 92 31 01.

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