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Mangas als Lebenseinstellung: Fans aus Wien schmökern in den Neuerscheinungen auf der Leipziger Buchmesse.

Goethe als Comic

Leipzig - Ein altbekanntes Genre neu entdeckt: Die Leipziger Buchmesse lockt mit Graphic Novels junge Leser in Massen an.

Anne Franks Leben als Comic? „Israel verstehen“, erzählt in der Abfolge kleiner bunter Bildchen und Sprechblasen? Goethes „Faust“ im Outfit von „Star Wars“? Oder „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka als inszenierte Graphic Novel? Das nämlich ist der neue Begriff für ein Genre, das zwar durchaus altbekannt ist, aber bislang wohl kaum in Verbindung gebracht wurde mit den Biografien der Großen oder Beispielen der Weltliteratur.

Auf der Buchmesse in Leipzig macht die internationale und deutsche Verlagsbranche nun unübersehbar Schluss damit. Noch bis diesen Sonntag behaupten in Halle 2 durchaus seriös und anspruchsvoll rund 100 Aussteller ihren Platz im hart umkämpften Literatur- und Sachbuchbereich: mit Comics, Mangas, Graphic Novels, mit gezeichneten Erzählungen, Romanen und anderen Lebensgeschichten, mit wilden Abenteuern und verrückten Fantasy-Visionen.

Umkämpft selbst sind auch die Verlagsboxen, nämlich von einem wie immer in Massen strömenden jungen Publikum. Wo sonst würden schon 12- oder 15-jährige Buben und Mädchen von sich aus zu einem Goethe-Band greifen? Aber die „Egmont comic collection“ präsentiert den Geheimrat aus Weimar mit zwei tollen Bänden: „Zum Sehen geboren“ und „Zum Schauen bestellt“, gezeichnet von Christoph Kirsch. Die Texte stammen von dem 2010 verstorbenen Friedemann Bedürftig, dem Autor, der sich mit einer Hitler-Biografie als Comic an die Öffentlichkeit gewagt hatte.

Von Sigmund Freud über Karl May bis zu Johnny Cash: Der Hamburger Carlsen Verlag („Harry Potter“) bietet an seinem zusätzlich dafür errichteten Stand Erstaunliches. Hier findet man alles, was das in Leipzig von Comic und Manga eroberte Herz begehrt. Da drängt sich ein lernbegieriges Erwachsenen-Publikum zwischen die wissenden Kids. Der Münchner Christian Moser ist einer jener erfolgreichen Autoren, die mit ihrem Zeichenstift und ihrem grafischen Witz die erzählten Geschichten auf den Punkt bringen. Den jungen Leipzigern ist auch er natürlich bekannt. Insgesamt präsentieren sich an mehr als 1000 Einzelständen 2071 Verlage aus 44 Ländern. 20 000 Neuerscheinungen werden vorgestellt.

Da buhlen selbst die etablierten Autoren um die Gunst des Publikums: von Egon Bahr, der sich im Rollstuhl durch die strapaziösen Messegänge schieben lässt, bis Hans-Dietrich Genscher, von Martin Walser bis zu Zeruya Shalev. Doch eine Gruppe von Schriftstellern, der so sehr die Aufmerksamkeit der literarisch interessierten Öffentlichkeit zu wünschen wäre, stellt sich etwas abseits vom großen Trubel vor. Das sind Autoren aus der Ukraine und aus Weißrussland sowie aus Polen. Diese drei Länder bilden heuer den „Regionalschwerpunkt“ der Messe. Dass das in Europa literarisch gut aufgestellte Polen mit dazugehört, hat seinen Grund darin, dass es sich hier als Schubkraft für seine Nachbarn versteht. Es gilt, hinter den Eisernen Vorhang des Desinteresses zu schauen. Mit dem Leipziger Auftritt, der maßgeblich von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wird, hofft man, für diese neue und sehr bemerkenswerte Literatur Verleger und Übersetzer zu gewinnen. Die Suche danach dürfte durch ein Ereignis durchaus beflügelt werden: die Fußball-EM, die im kommenden Sommer in Polen, Weißrussland und der Ukraine ausgetragen wird. Einen Titel gibt es bereits auf Deutsch: „Wodka für den Torwart“ (edition.fotoTapeta), elf Fußball-Geschichten aus der Ukraine.

Sabine Dultz

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