Wo Goethe zum Windei wird

- Es ist doch egal, ob Iphigenie von einer Frau oder von einem Mann gespielt wird. Was allein gilt: Gut muss sie gespielt werden. Überzeugend, glaubwürdig. Dass das jetzt dem jungen Regisseur Laurent Chétouane gelungen wäre, lässt sich nun nicht gerade behaupten. Der Beweis, dass Fabian Hinrichs die richtige Besetzung für die nach Tauris verbannte, griechische Königstochter ist, misslang umso mehr, je länger die Aufführung dauerte. An den Münchner Kammerspielen hatte "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goethe Premiere.

"Der Frauen Zustand ist beklagenswert", heißt es da. Und die Heldin hat Recht, noch heute, mehr als 200 Jahre nach der Uraufführung. Zumindest was die Kammerspiele betrifft. Denn: Es gibt wenig genug große Rollen für "erwachsene" Schauspielerinnen. Kommt nun aber so ein Stück auf den Plan, spielt - eine Ohrfeige für das weibliche Ensemble - die Titelrolle ein junger Mann. Einer, der mit der Sprache nicht umgehen, sie nicht handhaben kann.

Einer, von dem wir gutwillig anfangs noch annehmen, sein Wort-für-Wort-, Zeile-für-Zeile-Sprechen, oft ohne Sinnvermittlung, sei verfremdende Absicht. Einer, der immer im Einklang mit dem Regisseur uns glauben machen will, das Verweigern des Rhythmus' und der Melodie dieses fünfhebigen jambischen Blankverses sei ein Mittel, sich der Schönheit des Dramas zu widersetzen, um herauszufinden, was sich hinter der Klassizität verberge.

Die Kapitulation des Schauspielers vor der großen Rolle Iphigenie wird spätestens dann erschreckend offenbar, wenn es darum geht, dass sich die Heldin zwischen List und Vernunft, Verrat und Ideal entscheiden, wenn sie die Auseinandersetzung mit Thoas führen muss. Dann flieht Fabian Hinrichs - bis dahin sehr leise sprechend und in jeder Phase regungslos, selbst als Pylades ihr die Brust entblößt - ins abgehackte Herausbrüllen, Herausschütteln einzelner Worte. Tiefpunkt in dieser laienartigen Exaltiertheit: Iphigeniens Lied der Parzen, die Erinnerung an ihre ferne Jugend, als die Amme es ihr und den Geschwistern vorsang: "Es fürchte die Götter/ Das Menschengeschlecht!" Das ist auch die Kapitulation des Regisseurs - vor Goethe.

"Ich bin ein Mensch  und besser ist's, wir enden."

Thoas, "Iphigenie", Erster Aufzug

"Iphigenie auf Tauris" ist das Stück der großen Monologe und der geschliffenen Rede-Duelle. Die Spannung liegt im Wort, die Handlung im Vers. Das war es wohl, was Laurent Ché´touane an diesem Klassiker fasziniert hat. Er hat es sich ja nicht leicht gemacht mit der Wahl dieses Dramas. Und wenn wir hier immer wieder beklagen, dass Regisseure gerade an diesem Haus oftmals die großen Stücke entstellen und zumüllen mit ihren Einfällen und ihren zu klein geratenen Ideen, ist der junge Franzose ehrlicher. Er setzt, gewiss damit als Regisseur auch kokettierend, aufs nackte Dichterwort. Doch ist Texttreue allein noch keine Qualität, ist das Sprechen in Zeitlupe kein Wert an sich.

Und da es ihm und seinen Schauspielern - mit Ausnahme von Christoph Luser als Pylades - nicht gelingt, Sprache in Handlung umzusetzen, muss er versuchen, die Aufführung optisch und akustisch interessant zu machen. Eine Wand mit acht Ventilatoren und eine Windmaschine an der Seite sind das Bühnenbild. Sie spielen sozusagen die taurische Insel-Musik. Orkanartig pfeift der Sturm, permanent.

Und ehe Iphigenie im "Hain vor Dianens Tempel" mit ihrem Monolog "Heraus in eure Schatten, rege Wipfel . . ." beginnt, legt Fabian Hinrichs erst einmal einen Tempeltanz im Windkanal hin. Freikörperkultur, Sonnenanbetung, die langen, schlaksigen Glieder in alle Richtungen streckend. Dann schlüpft er ins antikische Kleid und zieht die Bänder straff passend zum Satz "Wie eng gebunden ist des Weibes Glück". Eine Iphigenie außer Puste. Ein Windei, das der Regisseur hier dem Theater gelegt hat. Wenn im Programmheft danach gefragt wird, welchen Auftrag Iphigenie heute noch habe, bleibt nach dieser Aufführung eigentlich nur eine Antwort: Sie sagt uns nichts, weil sie unsäglich ist.

Wer vom Premierenpublikum nach der Pause noch dageblieben war, buhte den Regisseur grandios aus. Verdient aber hat das vielmehr die Theaterleitung, die den jungen Regisseur und das Ensemble bei vollem Wind in die Katastrophe segeln lässt. Wäre diese Produktion im Werkraum vor Anker gegangen - Ché´touanes "Iphigenie" ließe sich als Experiment betrachten.

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