Die Götter umstimmen

- Hochschule für Musik in Karlsruhe, Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, Internationales Peter Eötvös Institut, Conservatoire National Supé´rieur und IRCAM in Paris: Das ist nur eine Auswahl der internationalen Zentren für zeitgenössische Musik, an denen Vykintas Baltakas, geboren 1972 in Vilnius, schon gewirkt hat, dazu kommen zahlreiche renommierte Preise und Stipendien. Am morgigen Dienstag wird das Stück "Cantio" des jungen Litauers im Rahmen der Münchener Biennale uraufgeführt (Theater im Haus der Kunst). Christoph Poppen dirigiert das Münchener Kammerorchester, Oskaras Korsunovas führt Regie.

<P>Der Titel "Cantio" (Gesang) lässt nicht an Oper im herkömmlichen Sinn denken: Worum handelt es sich also?<BR>Baltakas: Definitiv nicht um eine Oper. Es war mir von Anfang an klar, dass ich nicht das klassische Musik-für-einen-fertigen-Text-Schreiben betreiben wollte. So etwas hat vielleicht noch in der romantischen Oper funktioniert, wo Text und Musik relativ unproblematisch zu emotionellem Ausdruck zusammenfließen. "Tosca" ohne Musik, das würde einen überhaupt nicht berühren. Aber in der neuen Musik stellt sich mir die Frage: Wieso wird in einer bestimmten Situation überhaupt gesungen? Und warum mit genau diesen Tönen? Nur mit Hilfe der Musik eine neue Bedeutungsschicht auf ein fertiges Libretto zu legen, fand ich nicht befriedigend. Für "Cantio" hab ich in enger Abstimmung mit Librettistin und Regie ein Konzept entwickelt, in dem nicht nur die Geschichte die Musik bestimmt, sondern viele Impulse von der Musik auf die Geschichte ausgehen.</P><P>Wovon handelt die Geschichte?<BR>Baltakas: Als Ausgangsbasis haben wir uns von "apopemptischen Hymnen" inspirieren lassen, das waren in der Antike rituelle Gesänge, die die Bewohner einer Stadt anstimmten, wenn Gottheiten die Stadt verlassen wollten, um anderswo hinzuziehen. Eine bedrohliche Sache. Deshalb versuchte man, mit Gesängen die Vorteile der eigenen Stadt und die Gefahren in der Fremde hervorzukehren und sie so bestenfalls sogar umzustimmen. Von solchem Sprechen, das angesichts einer existenziellen Situation immer mehr zum Singen wird, zum Schluss aber wie eine Art Schleife zurückführt zur Anfangskonstellation, erzählt "Cantio".</P><P>Ein Material, das mit seinem archaisch-rituellen Kontext auf die Zuhörer ziemlich fremd wirken dürfte, noch dazu, wo das Libretto ja in Altgriechisch verfasst ist.<BR>Baltakas: Ich glaube, der Stoff ist von uns heute nicht so weit weg, wie es vielleicht scheint. Man könnte das Stück als eine Metapher auf das menschliche Leben sehen: Jeder von uns versucht, das Leben auszuhalten. Was immer bleibt, ist der Wille zu sprechen, um den Abschied vom Leben hinauszuzögern. Fast wie bei Heidegger: Die Angst vor dem Tod ist der Motor, der alles vorwärts bringt.</P><P>Im Zeichen der EU-Erweiterung ist viel von dem reichen musikalischen Erbe die Rede, das die neuen Staaten mitbringen. Ist die Tatsache, dass Sie Litauer sind, bedeutsam für Ihre Art zu komponieren?<BR>Baltakas: Tatsächlich bin ich stolz, einen litauischen Pass zu besitzen. Und ich habe mich intensiv mit litauischer Volksmusik beschäftigt. Aber wenn ich absichtlich versuchen würde, "litauisch" zu komponieren, bliebe das nur ein oberflächliches Hantieren mit Versatzstücken. Denken Sie an Tschaikowsky: Der war ein Kosmopolit, er schrieb eine Musik, die seinerzeit so modern war, wie es nur geht, so dass sie sogar als "westlich" geschmäht wurde. Dennoch ist keine russischere denkbar. Wenn ein Komponist nicht danach strebt, Stile nachzuahmen, sondern genau das zu sein, was er ist, dann wird die Musik eines Japaners automatisch anders klingen als die eines Litauers. Ich bemühe mich also nicht um irgendetwas Litauisches, auch wenn es trotzdem da ist. Aber sehen Sie: Ich bin Litauer, ich pendle zwischen Köln, Karlsruhe, Frankreich hin und her, meine Freundin lebt in Belgien: Insofern bin ich auf jeden Fall echt europäisch.</P><P>Das Gespräch führte Andreas Grabner</P>

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