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Horst Seehofer (CSU, 2.v.r.) und seine Frau Karin besichtigen auf Herrenchiemsee (Oberbayern) zusammen mit Herzog Franz von Bayern und Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU, r) das Schloss.

„Götterdämmerung – König Ludwig II.“ in Herrenchiemsee

Herrenchiemsee - „Die Wiener waratn jetzt hoaß – bitte abhoin!“ Auf dem Schiff zurück von der Herreninsel nach Prien, zurück von der Schau „Götterdämmerung – König Ludwig II.“ im Neuen Schloss Herrenchiemsee hat den Besucher die handfeste Realität wieder.

Aber auch die diesjährige Landesausstellung, die das Haus der Bayerischen Geschichte (hdbg) zusammen mit der Schlösserverwaltung und unterstützt vom Landkreis Rosenheim entwickelt hat, schwelgt ganz bewusst nicht in Ludwig-Zauber, -Rausch, -Verehrung. Die Historiker verankern den Wittelsbacher, der vor Fantasie sprühte und an dem sich bis heute die Fantasien entzünden, in der politischen und sozialen Historie Bayerns.

Naturgemäß, das gestehen die Chefs der beiden Institutionen Richard Loibl (hdbg) und Johannes Erichsen (Schlösser) sogleich ein, könnten auch sie dem Mythos Ludwig nicht entkommen. Dabei hat man glücklicherweise L-Kitsch oder L-Devotionalien fast komplett weggelassen. Dafür werden immer wieder auf dem Parcours die Ludwig-Filme gezeigt – vor allem die Legenden Helmut Berger und O.W. Fischer. Im Übrigen ist der Rundgang chronologisch angelegt, auch wenn die Konzeption als „Königsdrama“ aufgepeppt wurde – mit Akten à la „Wie der König Krieg führen musste und einen Kaiser über sich gesetzt bekam“. Das hört sich weniger nach Theater an, schon mehr nach früher oft üblichen Überschriften zu Romankapiteln.

Erfreulich ist so oder so, dass die beiden Institutionen die Besucher von Herrenchiemsee nicht mit einer allzu lehrerhaften Präsentation schocken wollen. Schließlich sind die nach einem Rundgang durch die Prunkräume von neobarocker Opulenz verwöhnt. Und bei „Götterdämmerung“ tauchen sie plötzlich in einen Rohbau ein: statt bunter Stuckmarmor mattrote Ziegelwand. In diesem Zustand sind die größten Teile des Gebäudes, mit dem der Bayern-König dem Sonnenkönig Ludwig XIV. seine Verehrung zu Füßen legte. Der großartige Kontrast ist lebendiges Element der Schau. In die Räume ließ man sich von Friedrich Pürstinger die Ausstellungsarchitektur zwischen Erbsengrün und Schwarz-Rot, geschwungenen Stellwänden und Aussichtsplattformen inszenieren. Das ist ansprechend, allerdings zu viel des Guten: Es ist sehr beengt.

„König!“ – Ein 18-Jähriger dreht sein Tagebuch um 90 Grad und schreibt das groß über das Blatt. Maximilian II. war unerwartet gestorben. Ludwig (25. 8. 1845 bis 13. 6. 1886) war damit ab März 1864 der Herrscher über ein Bayern, das sich an Österreich angelehnt hatte. Zwei Jahre später musste er dem Krieg gegen Preußen zustimmen – und durch die Niederlage kam es zum großen Umbruch. Der Preuße Bismarck wollte einen deutschen Staat formen und erzwang 1870 den Krieg gegen Frankreich. Das in sich zerrissene Bayern musste seine Souveränität aufgeben, um die Einheit zu wahren. Ludwig II. hatte keinen anderen Ausweg, als König Wilhelm die Kaiserkrone anzutragen. Der legendäre „Kaiserbrief“ ist im Original zu sehen in der Schau. Aber zunächst wird dort Ludwig durch eine Fotomontage in die Wittelsbacher-Sippe eingebettet, und sich wandelnde Fotoprojektionen erzählen von Ludwigs Selbstinszenierung, mal militärisch fesch, mal neckisch versonnen. Anrührend: ihn, den Jüngling, in der schweren Kleidung eines gesetzten Herrn sehen zu müssen. Dann schon lieber so traumschön, wie ihn Ferdinand Piloty d. J. 1865 im Krönungsmantel malte.

Infos zur Schau

Öffnungszeiten: Bis 16. Oktober täglich 9 bis 18 Uhr.

Schiffe: Ab Prien/ Stock rund 15 Minuten Fahrt.

Zu Fuß/ per Kutsche: Von der Anlegestelle zum Schloss Herrenchiemsee rund 15 Minuten. Inselticket mit Landesausstellung 9,50 Euro, ermäßigt 8,50 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 1 Euro.

Führungen: Buchung unter Tel. 080 51/ 68 87 130.

Katalog: Er ist zweibändig: Katalog beziehungsweise Aufsätze in der Schau je 18 Euro, zusammen 30 Euro.

Diese Schönheit war in der Wirklichkeit nicht zu halten und Ludwig II. politisch gescheitert, wie Peter Wolf, Projektleiter des Hauses der Bayerischen Geschichte, vor allem in der Abteilung Krieg erklärt. Es ist den Historikern hoch anzurechnen, dass sie nicht nur mit einem Maschinengewehr-Vorläufer sichtbar machen, dass der Feldzug gegen Frankreich der erste industrielle Krieg war. Aus dieser Ohnmacht floh der König in seine Gegenwelten – Stichworte: Richard Wagner und die Schlösser, Avantgarde und Historismus, moderne Technik und altes Kunsthandwerk. Die Schau unterteilt das in zwei Kapitel: zum einen, überwölbt von einem Sternenhimmel, das Mittelalter, wie es sich das 19. Jahrhundert ausmalte. Wagners Opern von „Lohengrin“ bis zum „Ring“ und Neuschwanstein verschmelzen zu einem Ideen-Kosmos. Man weiß nicht, was anschaulicher ist: die alten, herrlichen Bühnenbildmodelle oder die topmodernen Animationen – ganz exzellent: die Bauphasen des Schlosses; zum Leben erweckt: das nichtexistente Schloss Falkenstein. Zum anderen, überwölbt von einer Sonne, „Le roi soleil! Er ist mein Ideal“ – und in diesem gebauten Ideal steht der Besucher im Schloss Herrenchiemsee. Projektleiterin Katharina Heinemann (Schlösser) unterstreicht Ludwigs geradezu professionelle Kennerschaft im Rekonstruieren und daraus Neues Schaffen.

Das Fabelhafteste an der Ausstellung „Götterdämmerung“ (vierter Teil von Wagners „Ring“) ist, dass es für Ludwig als Mensch gar keine Götterdämmerung gab. In dem Moment, wo er seine Energie auf Kunst und nicht auf Politik richtete, war er erfolgreich – obwohl ihn die Herrschenden für verrückt erklären ließen. Sicher, Schulden hatte er nicht zu knapp. Aber hätte er sie als Kriegsherr angehäuft, der Staat hätte brav gezahlt. So hat er sich zum Glück positiv verewigt. Obendrein sein Land zum tourismusförderlichen „Mythos Bayern“ mitverwandelt – schön, exotisch und ein bissl verrückt. Und er hat technische Innovationen von Elektrizität (Wasserkraft, Glühbirne) bis Chemie (BASF) herausgefordert. All das arbeitet die Präsentation gut – auch mit Humor – heraus. Und endet seriös sachlich bei den Todesumständen Ludwigs II. im Würmsee vor 125 Jahren.

Simone Dattenberger

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