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Starke Frauen: Nina Stemme (Brünnhilde, re.) ist im Sopranistinnen-Olymp angekommen, und auch die Münchnerin Anna Gabler bot in der Partie der Gutrune eine ganz besondere Vorstellung.

Kritik zur "Götterdämmerung"

Wagner-Großtat mit vielen Abstrichen

München - Münchens „Ring des Nibelungen“ ist komplett. Auch die Festspiel-Premiere der „Götterdämmerung“ bot ein Wechselbad aus Lichtblicken und Enttäuschungen.

Am Ende ist ihr Traum tot. Siegfried erstochen und aufgebahrt (was die Mannen per SMS gleich in die Welt hinaus tratschen), da hält sich Gutrune an ihren Bruder. Zerrt und wuchtet und verhebt sich am leblosen Körper. Doch den verblichenen Gunther kriegt sie nicht von der Bühne, bricht in Schluchzen aus, ein Lebens- und Weltfrust, bis zu den letzten Tönen des „Ring“-Marathons die Statisten in Weiß auf die Bühne kommen und sie tröstend umringen: Ist doch alles gar nicht so schlimm. Ein Mythos, war nur ein Spiel. Ein Spiel? Ja, und auch mal ein Konzept.

Ein „Ring“ rundet sich, das wäre also zu viel gesagt. Irgendwann, während seiner vielen Münchner Probenmonate, muss Regisseur Andreas Kriegenburg von der Erkenntnis getroffen worden sein: Seinen Wagner-Masterplan kann er nicht durchhalten. Die Tetralogie als Theater auf dem Theater, von stummen, licht und freundlich gekleideten Menschen für uns nochmals erzählt, verbildlicht, unverkrampft nähergebracht, das ist ein schöner Vorsatz, glimmt aber nur zweimal richtig auf: im „Rheingold“ und in der „Walküre“.

Nichts davon – bis aufs Schlussbild – in der neuen „Götterdämmerung“. Kriegenburg widerlegt sich selbst. Gutrune darf lustig auf einem Euro-Symbol schaukeln, der Gibichungen-Clan tafelt an einer Riesenausgabe des Währungszeichens. Sein Hauptsitz (Bühne: Harald B. Thor) ist ein riesiger Glaskäfig mit enervierend oft auf- und niederfahrenden Brücken. Ab und zu greift man (schon in zig „Ringen“ ausgelutscht) zu Whiskey und Zigarre. Und zuvor, bei Siegfrieds Rheinfahrt, sieht man Businesswesen, die an Glitzerschaufenstern à la Maximilianstraße vorbeihetzen. Im Mannenchor dürfen dann alle im Takt die Handys recken und Sigi nebst verratener Braut knipsen.

Also doch. Kapitalismuskritik, wenn auch sehr light. Passagenweise hübsch anzusehen. Doch manchmal auch linkisch, hilflos und erschreckend banal. Vieles ist mutmaßlich Eigeninitiative der Solisten. Das geht gut aus bei Iain Paterson, der als Gunther die packendste Studie des Abends liefert. Ein bornierter, geschmeidiger Anzuggockel, dem zum perfekten Outfit eben noch die Frau fehlt und der sich, als alles scheitert, greinend in Embryoposition zusammenkauert. Paterson gestaltet das mit perfekt fokussiertem, sehnigem Bariton. Ähnliches bei Anna Gabler. Teeniezicke und Vamp ist ihre Gutrune, die zur Mittelpunktsfigur wird, und doch gefährlich schutzlos. Eine starke Vorstellung, ihren gehaltvollen Sopran wird die Münchnerin sicher noch kanalisieren.

Andere wiederum sind auf sich allein gestellt. Michaela Schuster (Waltraute) spielt vor allem sich selbst. Und Eric Halvarson kann gar nicht anders: Er stieß erst vier Stunden vor Premierenbeginn dazu, nach Hans-Peter König und Albert Pesendorfer der Ersatz-Ersatz-Hagen. Halvarsons wetterfester Bass ist in vielen „Ringen“ gegerbt, ein Routinier, der mit wenigen Kniffen Glaubhaftigkeit verbreitet. Was Kriegenburgs Regie, nach ähnlichen Einspringer-Vorfällen in „Rheingold“ und „Walküre“, auch entwertet: Ob dieser „Ring“ gar auch mit zwei Wochen Probenzeit funktioniert hätte?

Musikalisch, immerhin, protzt München mit dem Nonplusultra. Von Wolfgang Kochs Alberich über die Rheintöchter Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau bis zu Stephen Gould. Der weltweite Held vom Dienst hat vor drei, vier Jahren einen lyrischeren, nuancierteren Siegfried gestaltet. Goulds Wotansenkel ist nun ein Haudrauf mit vokaler Dauerattacke, fast nie unters Mezzoforte abtauchend, immer jedoch am Text arbeitend. Am Ende, solch Angriffslust fordert schließlich, passieren zwei, drei versteifte Töne. Wagners Siegfried bleibt eben ein Kompromiss, und Gould liefert derzeit den besten.

In einer eigenen Liga operiert dagegen Nina Stemme. Es gibt sicher extrovertiertere Brünnhilden. Doch keine Sekunde entlässt einen diese große Künstlerin aus der Spannung und beweist: Am packendsten ist eben doch der pur singende Mensch. Mezzogrundiert ist ihr Sopran, reich, weit, übervoll mit Klang. Und wenn’s sein muss dazu fähig, punktgenaue „Cs“ abzufeuern. Spätestens jetzt bewegt sich die Stemme ganz oben, dort, im von allen anderen unerreichten Mödl-Varnay-Nilsson-Olymp.

Nicht auszudenken, wenn sie als Partner einen formenden, fordernden Mann im Graben gehabt hätte. Doch im Finale, wenn die Stemme eine etwas flottere Gangart gebraucht hätte, wird das von Kent Nagano ignoriert. Und auch der erste Akt, der schier buchstabiert wird, ist nichts für Wagnersängerlungen. Keine Idee von der Architektur des Stücks wurde spürbar. Ein Zustand freilich, der sich im Verlauf der sechs Stunden, wenn die Partitur kompakter, „opernhafter“ wird, besserte. Das, was das Bayerische Staatsorchester serviert, birgt dennoch Suchtgefahr. Eine luxuriös gespielte Detailschau, delikat und fein austariert, mit muskulösen, nie zu brutalen Entladungen. Aber, und das ist Naganos Problem, eher symphonisch statt vokal und stückdramatisch erfühlt.

Ein, zwei kaum vernehmbare Buhs für Nagano, auch für Kriegenburg. Das Orchester als Hauptrollenträger, ein ignorantes Versäumnis, durfte am Ende nicht auf die Bühne. Eine „Ring“-Regie in den Sand gesetzt? So etwas sieht anders aus. Münchens Wagner-Großtat dürfte für wechselnde Besetzungen reibungslos funktionieren. Und übernächste Saison, mit dem Kommen Kirill Petrenkos, einen Schub erfahren. Doch so recht froh wird man mit den 15 Stunden nicht. Andreas Kriegenburg, seine Konzeptverschiebungen sprechen ja Bände, wohl auch nicht.

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