Vorsprechen hautnah: Regisseur Thomas (Michael von Au) und Wanda (Anika Mauer). foto: Barbara Braun / drama-berlin

Die Göttin und ihr Liebhaber

Berlin/München - „Venus im Pelz“ am Berliner Renaissance-Theater: Münchens Bühnenstar Michael von Au zeigt sich als asketischer Lüstling.

Wer setzt hier wem das Messer an die Kehle? Und was soll das sein? Lust oder Qual, Last oder Laster, Sadismus oder Masochismus? Verführerin und Verführter oder umgekehrt? Jedenfalls ist das, was der Regisseur und seine Schauspielerin, der Dichter und seine Muse, Severin und Wanda, das Personal des Stücks im Stück, die Göttin und ihr Liebhaber und letztlich in der Realität des aktuellen Theaterabends Anika Mauer und Michael von Au mit hinreißender Rasanz hier spielen, höchst fesselnd und amüsant.

Im Renaissance-Theater Berlin erlebte jetzt, sieben Wochen vor dem Start von Roman Polanskis gleichnamigem Film, „Venus im Pelz“ in Anwesenheit von US-Autor David Ives seine deutschsprachige Erstaufführung. Für von Au, den Münchner Bühnen-Liebling, ein gelungener Wiedereinstieg in Berlins so vielfältige Theaterlandschaft. Sozusagen einem Donnerschlag gleich. Denn damit beginnt dieses Stück. Schauplatz ist ein schickes, helles Loft (Ausstattung: Vasilis Triantafillopoulos), in dem der Dramatiker und Regisseur Thomas gerade eine erfolglose Suche nach der Hauptdarstellerin für seine Bearbeitung der „Venus im Pelz“ beendet hat.

Da erscheint sie, geheimnisvoll, schön und durchaus ordinär – und erzwingt ein Vorsprechen für die Rolle, die übrigens genauso heißt wie sie selbst, nämlich Wanda. Mit dem Textbuch in der Hand markiert der regieführende Dichter ihren Dialogpartner. Und im Verlauf dieser Probe verschwimmen zunehmend Spiel und Wirklichkeit, 19. und 21. Jahrhundert, bacchantische Antike und emanzipatorische Moderne. Das Geheimnis um Mann und Frau wird immer undurchdringlicher, die Frage nach der Liebe, genauer gesagt der Art der Liebe, dafür umso dringlicher. Gewalt und Unterwerfung im Wechsel der Identitäten – der Witz des Lebens (und des Stücks) liegt in der Tragik des so endlosen wie zeitlosen Geschlechterkampfs. Das ist die Botschaft dieser intelligenten Komödie.

Ihr facettenreicher Plot basiert auf der 1870 erschienenen Novelle „Venus im Pelz“ des K&K-Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch, der damit zum Namensgeber des Masochismus wurde. Das Stück also ist mindestens dreifach gebrochen durch die dreifache Autorenschaft. Jener Österreicher. Der Dramatiker im Stück, Thomas. Und der amerikanische Verfasser dieses Gesamtwerks. Regisseur Torsten Fischer und seine beiden grandiosen Schauspieler haben das perfekt umgesetzt. Irritation da, wo sie angebracht, spannend und vergnüglich ist, Klarheit dort, wo sie für Handlungsverlauf und Verständnis benötigt wird.

Viel ist da die Rede von Pelz und Peitsche. Doch dieser Utensilien bedarf es nicht. Das Markieren während der Probensituation genügt, um den Zuschauer in die vergnügliche Lage des Beobachters zu versetzen, wie allein die Andeutung im Spiel ausreicht, die Protagonisten in erotische Bedrängnis zu bringen. Dabei ist Anika Mauer von raffinierter Wandelhaftigkeit; makellos ihr Spiel vom Übergang des einen Ichs ins andere, von der Straßenhure zur Großbürgerin, von der Schauspielerin zur Göttin. Wer sie aber wirklich ist, bleibt das Geheimnis, das jeder für sich selbst zu lösen hat.

Dem schillernden Leben von schön bis abscheulich steht relativ geradlinig der „asketische Lüstling“ gegenüber, dem Michael von Au virile Kontur verleiht. „Nichts Sinnlicheres als Schmerz, nichts Angenehmeres als Erniedrigung“: Das kann einer nun glauben oder nicht glauben. Auf jeden Fall aber ist es eine Lust, von Au zuzuschauen, wie er diese Rolle auslotet zwischen Männlichkeitsgetue, Unsicherheit, Komik und Verzweiflung.

Sabine Dultz

Bis 7. November

im Renaissance-Theater Berlin; Telefon 030/ 312 42 02; Start des Films „Venus im Pelz“ von Roman Polanski ist der 21. November.

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