Die Göttliche

- Das Festival beginnt n a c h dem Konzert. Das verläuft ganz normal - am Ende warmer Applaus. Dann aber stellen sich - brav der Reihe nach - die Fans mit ihren Blumensträußen auf. Jeder und jede darf mit der Göttlichen, die nur durch ihre mühsam schlurfenden Menschen-Schritte entzaubert werden kann, ein paar Worte wechseln, ja darf sie berühren - wie eine Ikone.

<P>Jessye Norman, die am Montagabend bei den Salzburger Festspielen ihren heißest begehrten Liederabend gab, beherrscht den inneren Austausch, das wortlose Wechselspiel mit ihrem Publikum dramaturgisch perfekt. So wie sie ihr Programm genau durchkalkuliert, so gestaltet, so steigert sie die Liebe, die Verehrung der Zuhörer im selbstverständlich ausverkauften Großen Festspielhaus.</P><P></P><P>Nach den Blumen: Zugabe, dann Jubel, Abgang; erneuter Auftritt mit einem riesigen Strauß roter Rosen, weiter Blumen, Zugabe mit pathetischer Geste ins Publikum ("guter Geist"): Beifallssturm, Standing Ovations. Und so geht es - sich steigernd ("Habe Dank") - 20 Minuten weiter bis zu Jazzigem und Gospel, wobei - endlich - alle mitklatschen dürfen.</P><P>Jessye Norman ist ein Phänomen. Nicht nur dass sie Modebewusste begeistert: diesmal mit einem papierleichten, silbergrauen Mantel über steingrauem Kleid. Der Stoff des Überwurfs, in breite Querbahnen gelegt, formt Zickzack-Kanten aus - eine minimalistische Skulptur als Gewand. Nicht nur dass sie ihre Verehrer bezaubert, was ja nicht schwer ist, es gelingt ihr genauso beim Skeptiker.</P><P> Selbst wenn er sich sicher nie an den holden Busen der Natur werfen wird, wie es Franz Schubert (1797-1828) vorschlägt, und schon gar nicht wie Ernest Chausson (1855-1899) und Henri Duparc (1848-1933) dekadent-jugendstilig sein Herzweh zelebrieren möchte, aber wenn die Norman davon singt, ist das alles echt, wahr, nachvollziehbar - und gar nicht komisch.</P><P>Sie begann den Liederabend zunächst heiter-hopplahopp mit Schuberts/Goethes "Musensohn", durcheilte trauliche Auen, bis es dann mit der "Allmacht" ("Groß ist Jehova") und diversem Liebesleid ernst und schließlich tödlich wurde; da darf der "Erlkönig" nicht fehlen. Klug gewählt - im Anschluss - die thematischen Ähnlichkeiten (zum Teil nach Gedichten von Charles Baudelaire) bei den Franzosen aus dem Umkreis Claude Debussys, jedoch mit ganz anderer musikalischer Gestaltung als bei Schubert.</P><P> In jedem Fall aber konnte die Norman, stilistisch in jeder Hinsicht präzise begleitet von Mark Markham am Flügel, ihre Stimme schwelgen lassen vom zarten Hauch bis zum satten Ausbruch, von Samt-Sanftmut bis zur keckernden Heiterkeit.<BR>Die Diva hat heuer Jubiläum. Sie singt seit 25 Jahren in und für Salzburg. Unvorstellbar, dass sie einmal nicht mehr käme.<BR></P>SIMONE DATTENBERGER

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