van Gogh zu Ehren: Vincents Geschmack und Helenes Leidenschaft

- Amsterdam/Arnheim - Rund 1 100 Mal, so haben eifrige Kunsthistoriker gezählt, hat Vincent van Gogh (1853-1890) in den berühmten Briefen an seinen Bruder Theo die Werke anderer Künstler erwähnt. Welche dieser Gemälde, Zeichnungen oder ehedem populären Drucke von Rembrandt bis Gauguin Spuren im Schaffen van Goghs hinterlassen haben, das dokumentiert erstmals eine Ausstellung zum 150. Geburtstag des Künstlers. Mehr als 160 Bilder, darunter auch heute zu Recht Vergessenes, zeigt das Amsterdamer van Gogh-Museum unter dem Titel "Vincents Wahlverwandtschaften" bis zum 15. Juni.

<P>Die Schau legt die Wurzeln eines Malers bloß, dessen Nachwirkungen bis weit in die Kunst der Gegenwart reichen. Überraschend die Beständigkeit, mit der der künstlerische Autodidakt seinen "Fixsternen" überkommener Kunst treu blieb - und aus ihnen erst spät das Dynamit zum "Umsturz" im Reich der Bilder mixte. Eine heute fremd erscheinende religiös überhöhte Bodenständigkeit fand der Pastorensohn aus Brabant in seiner "Ikone", dem "Sämann" (1850) von Jean-Francois Millet, dem in Amsterdam ein wenig zu lehrbuchhaft eine Sämann-Zeichnung van Goghs von 1881 und ein kleinformatiges Ölgemälde mit dem selben Thema zur Seite gestellt sind, das die Ablösung vom Vorbild und die wahre Meisterschaft des Malers zwei Jahre vor seinem Tod schlagend beweist.</P><P>Die Meisterwerke der alten Niederländer mit ihrer sensiblen Lichtführung, das der "Leseratte" van Gogh aus Büchern der Kunsttheorie vertraute Farbenspiel bei Delacroix und die hohe Ästhetik japanischer Farbholzschnitte lernte der Maler aus eigener Anschauung erst spät kennen. In der teils überreichen Bilderschau von Amsterdam gehört die Konfrontation eines der letzten Rembrandt- Selbstporträts aus dem Todesjahr 1669 mit van Goghs eindringlichem "Selbstporträt als Maler" (1888) zu den wirklichen Höhepunkten.</P><P>Das warmherzige Frauenbildnis "La Berceuse" oder "Gauguins Stuhl", als anrührende Hommage an den abwesenden Künstlerfreund 1888 gemalt, beweisen: Weit hat sich der Maler, der auch manch gemalte "Süßigkeit" heute ungenießbarer Wald- und Wiesenstücke schätze, in den unentdeckten Kontinent befreiter Farben und damit "moderner" Kunst gewagt. Das maßstabsgerecht rekonstruierte Atelier des Meisters im "Gelben Haus" von Arles mit unfertigem Sonnenblumen-Bild auf der Staffelei und den an die Wand gepinnten Lithos von Daumier und Dorè mag da eher auf die Schaulust der in Amsterdam erwarteten Besuchermassen zu zielen.</P><P>Das bis heute aktuelle Kapitel fanatischer van Gogh-Verehrung seziert das Kröller-Müller-Museum bei Arnheim. Die schwerreiche Sammlerin Helene Kröller-Müller trug binnen 20 Jahren bis zu ihrem Tod (1929) 91 Gemälde und fast 200 Zeichnungen van Goghs zusammen, erwarb an einem Vormittag im April 1912 gleich sieben Werke des Niederländers. Die Schau "Vincent & Helene" zeichnet von Freitag an bis zum 12. Oktober die immer mutigeren Ankäufe nach, die mit einem düsteren "Waldstück" von 1883 im damaligen Wert von 110 Gulden begannen und beim fast abstrakten Bild "Baumstämme im Gras" (1890) endeten. Dass neben den heute berühmten Gemälden "Cafè bei Nacht" oder dem "Briefträger Roulin" auch einige "faule Fische" ins weit gespannte Netz der emsigen Sammlerin gingen, verschweigt die Schau nicht: Acht Gemälde der ehemaligen Privatsammlung werden seit kurzer Zeit nicht mehr van Gogh zugeschrieben.</P><P>www.van-goghmuseum.nl</P>

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