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Lacht das Lampenfieber weg: Golda Schultz, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, im Königssaal des Nationaltheaters

Interview mit Sopranistin Golda Schultz

Das Lampenfieber weglachen

München - Sopranistin Golda Schultz, nach einer Zeit im Münchner Opernstudio zum Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper befördert, umarmt das Leben. Im Merkur-Interview spricht sie über Männer, späte Berufserkenntnisse und die Salzburger Sophie.

Wo genau man sie einordnen soll, ist nicht ganz klar. Golda Schultz, nach einer Zeit im Münchner Opernstudio zum Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper befördert, traut sich vieles zu – und hat damit großen Erfolg. Ob als Mozarts Gräfin, Puccinis Musetta oder Wagners Freia und in diesem Sommer als Sophie im Salzburger „Rosenkavalier“, ihre bislang größte Aufgabe. Eine Begegnung mit der Südafrikanerin, deren Karriere gerade abhebt und die übrigens hervorragend Deutsch spricht, ist vor allem eines: eine erfrischende, zuweilen auch phonstarke Lach-Kur.

Welche Rolle passt besser zu Ihnen? Musetta oder Sophie?

Beide passen. Ich bin ein bisschen handfest wie Sophie. Sie hat keinen eindimensionalen Charakter, wie manche meinen. Sophie hat ein gewisses Feuer, wenn sie sich zum Beispiel über den Ochs aufregt. Oder wenn sie energisch mit ihrem Vater spricht – das habe ich mir übrigens auch mal erlaubt, als ich 15 war.

Wie hat er reagiert?

„Wer bist du denn?“, hat er gefragt. Darauf ich: „Ich bin Golda, wer bist du?!“ Ich kann mich über Leute wahnsinnig aufregen – wie Sophie. Und manchmal redet sie, bevor sie darüber nachdenkt. Wie ich. Musetta ist Sophie sehr ähnlich, hat aber mehr Lebenserfahrung, gerade was die Männer betrifft. Sagen wir es so: Ich bin zwischen beiden, auch beim Thema Männer.

Wie kam es überhaupt zur Salzburger Sophie?

Das frage ich mich auch oft... Franz Welser-Möst hat ja das Münchner Strauss-Festkonzert dirigiert, in dem ich die Sophie gesungen habe. Bei der Probe dachte ich mir noch: Er mag mich nicht, er kuckt mich immer so an. Vielleicht hat er sich darüber gewundert, dass ich alles so witzig finde. Aber so bin ich eben. Manche finden, übrigens auch meine Mutter, dass ich zu viel lache... Im Oktober wurde ich dann gefragt, ob ich die Sophie in Salzburg singen möchte, da war ich total überrascht. Ich habe Herrn Welser-Möst wohl doch nicht abgeschreckt.

Das klingt, als ob Sie Lampenfieber auch einfach weglachen.

Ich habe immer noch viel Lampenfieber! Als ich 19 war, musste ich vor meinen Mitstudenten Cherubinos „Voi che sapete“ singen. Nach der Arie bin ich umgekippt. So etwas ist dann ein halbes Jahr lang passiert, jedes Mal, nachdem ich gesungen habe. Schlimm.

Haben Sie Angst, dass es zu schnell geht?

Das denken wir Sänger doch alle. Aber so läuft nun mal eine Karriere. Wir sind wie Sportler, wir müssen uns auch antreiben – und dabei natürlich auf unsere Stimme achten und hören. Ich habe viele Freunde und Verwandte, die mir Ratschläge geben. Aber letztlich muss ich entscheiden – und sicher sein, dass ich es schaffe.

Sie wollten zunächst Journalistin werden. Was ist so schlimm an dem Beruf, dass man die Sängerkarriere einschlägt?

Gar nichts ist schlimm! Ich bin leidenschaftliche Zeitungs- und Magazinleserin. Ursprünglich wollte ich zum Radio und dort Dokumentationen produzieren – doch für so was wird ja fast nichts gezahlt... Irgendwann sagte mir jemand: „Deine Stimme ist zu gut, du darfst dieses Talent nicht ignorieren.“ Bei mir lief das klassisch: Ich war in Chören und durfte kleine Soli übernehmen. Andere Leute haben an mich geglaubt, ich zunächst eher weniger.

Wann war der Punkt denn erreicht, an dem Sie gesagt haben: Okay, ich bin doch Sängerin?

In München, als Sophie bei den Festspielen 2014...

So spät erst?!

Danach habe ich tatsächlich gewusst: Ich schaffe das alles, ich bin tatsächlich Sängerin. Ich hatte vorher wirklich viele Zweifel. Als ich mit 19 anfing zu studieren, wusste ich nichts von der Oper. Nach meinem Journalismus-Abschluss war ich 25 und habe es erst dann auf dem Musikkonservatorium in Kapstadt probiert. Zwei Jahre war ich dort, anschließend im dortigen Opernstudio. Ich wollte einfach sehen, wie weit ich gehen kann. Auch als ich mich bei der Juilliard School in New York beworben habe. Ich sagte mir immer: „Wenn es nicht klappt, okay, dann lasse ich es eben.“

Haben auch die Eltern an der Gesangskarriere gezweifelt?

Bevor sie mich im „Rosenkavalier“ erlebt haben, haben sie immer gesagt: „Wir sind froh und stolz, dass du arbeitest und Geld verdienst.“ Sie sind eben sehr praktisch. Mein Vater ist Mathematikprofessor, meine Mutter Krankenschwester, ich bin das einzige Kind. Oper ist weit weg von ihrer Welt. Bevor sie im „Rosenkavalier“ waren, haben sie sich mit Youtube auf das Stück vorbereitet. Als sie mich dann live erlebten, waren sie erstaunt. Als die Dame neben meiner Mutter klatschte und „Bravo“ rief, beugte sich meine Mutter zu ihr: „Das ist meine Tochter!“ Da meinte die Frau: „Dankeschön!“ (Lacht laut und lange.)

Auf Facebook haben Sie gepostet: „Musik ist spirituell, das Musikbusiness nicht.“ Klingt nach schlechten Erfahrungen.

Auf dem Konservatorium wird einem immer gesagt: „Du musst die tiefen Gefühle in dir spüren, einen Charakter erfühlen, ihn ausfüllen, dann erst ist Kunst möglich.“ Einverstanden. Aber Karriere bedeutet auch: Agenten, Terminpläne, Finanzen regeln, sich organisieren. Und all das wird uns auf der Universität nicht beigebracht. Viele junge Sänger bekommen einen Schock, wenn sie ihren Abschluss haben und merken, dass es sich ab jetzt nicht nur um Kunst dreht. Für mich war das ein bisschen anders, weil meine Eltern sehr rationale Menschen sind und mir das auch vermittelt haben.

Als Sophie im Münchner „Rosenkavalier“ waren Sie in einer fast heiligen Produktion zu sehen...

...ich trage tatsächlich das Kleid von Lucia Popp! Wahnsinn. Ich war so froh, dass mir das Kostüm überhaupt passte. Die Maskenbildnerin hatte damals auch Lucia Popp betreut. Sie war ihre erste Sophie, nun war ich ihre letzte. Das finde ich so wunderbar. Beim Schlussapplaus musste ich deshalb sehr viel weinen.

Passiert Ihnen das auch während der Vorstellung?

Nein, da muss ich eher mit dem Lachen aufpassen. Einmal habe ich geweint, als ich Paminas Arie vorgesungen habe. Bei „Sieh Tamino, diese Tränen“ kamen sie plötzlich. Furchtbar. Für mich ist das Singen keine Form von Psychotherapie. Es ist Arbeit. Ich bin auf der Bühne, damit die Leute im Publikum etwas über sich selbst erfahren können. Wenn ich bei einer Rolle etwas über mich herausfinden will, dann muss das in den Proben passieren. Da weine oder lache ich oft. In der Vorstellung ist es nicht Zeit für  Golda, sondern für das Publikum.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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