Die goldene Horde der Steppe

- "Wilkommen in der Mongolei - und in ihrer 800-jährigen Geschichte!" Der stolze Gruß des mongolischen Ministers für Bildung, Kultur und Wissenschaft, Puntsag Tsagan, ist keinesfalls übertrieben. Obwohl er damit nicht etwa zu einer Reise nach Fernost einlädt, sondern ins Münchner Museum für Völkerkunde. Dort lockt auf zwei Stockwerken die großartige Ausstellung "Dschingis Khan und seine Erben.

Das Weltreich der Mongolen", eine Kooperation mit der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn, wo ein erheblicher Teil der kostbaren Exponate noch bis vor vier Wochen zu sehen war. Es ist die größte Ausstellung dieser Art, die je in Europa gezeigt wurde; sie darf aus einer bedeutenden Historie schöpfen, nacherzählt in einzigartigen Zeugnissen.

Ein Herrscher wird rehabilitiert

Die Schau ist ein Geburtstagsgeschenk an das Mongolische Großreich, welches 1206 gegründet wurde, also vor fast 800 Jahren. Aber sie ist auch ein später Rehabilitationsakt für den Erschaffer dieses Reiches: Dschingis Khan, dessen Name vielen zum Synonym für eine Terrorherrschaft der Barbarei und für Eroberungszüge des Schreckens geworden ist. Ein Video theoretisiert die geschickte Kampftaktik der Mongolen, deren Heer bald über das Hundertfache seiner eigenen Leute regieren sollte. In einer Vitrine ist die gusseiserne Nabe eines Wagenrades ausgestellt: Wer von den vom mongolischen Heer gefangenen Männern größer gewachsen war als bis zu dieser Nabe, der wurde gnadenlos umgebracht - das "Achsenstifturteil".

Doch wer, fragt die Ausstellung rhetorisch in mehr als einem halben Dutzend reich bestückter Räume mit Schätzen aus den Nationalmuseen von Ulaanbaatar, Teheran, Tokyo, der St. Petersburger Eremitage, aus Paris, Kopenhagen oder auch München und erstmals aus dem Palastmuseum in Taipeh, wer also war denn verantwortlich für die Entfaltung eines freien Handelsraumes, für die kulturelle Entwicklung eines Kontinents, für ein prunkvolles bedeutendes Kulturerbe? Wer duldete alle Religionen, und wer setzte sich ein für eine Einheitsschrift, die alle Sprachen seiner Herrschaft vereinte und die hundert Jahre Gültigkeit behalten sollte?

Die Antwort liegt in der "Neunfüßigen Weißen Standarte", die man 1206 aufstellte, als Dschingis Khan zum höchsten Anführer gewählt wurde. Sie ist geschmückt mit 81 Pferdehaarbüscheln aus allen 18 Bezirken der Mongolei und steht heute als Symbol des mongolischen Volkes und der Autorität des Staates in einer Rekonstruktion im Regierungsgebäude in Ulaanbaatar.

Die Antwort liegt auch in den kostbaren Schmiedearbeiten der "Goldenen Horde" in Russland, angefertigt von lokalen Handwerkern zwar, aber unter starker Einbeziehung mongolischer Steppenkunstmotive, vor allem verschiedener Tiere. Sie liegt in der raren Schönheit einer Guanyin-Figur aus Porzellan und zwei großen Tellern in blau-weißen Blumenornamenten - künstlerischen Manufaktur-Geburten der Yuan-Dynastie in China, die heute zum charakteristischen Handwerk des Landes gehören - genauso wie in den prachtvollen bunt-goldenen Götterdarstellungen des mongolischen Buddhismus. Sie liegt im Reich Dschingis Khans und den Nachfolgereichen seiner vier Söhne.

Die auch optisch in ihrer übersichtlichen, geschlossenen, ästhetisch schönen Form sehenswerte Schau beginnt bei den wichtigen aktuellen Funden der türkischen, französischen und deutschen Ausgrabungsteams. Sie endet ebenfalls in der Moderne, in vielen Bildern des 20. Jahrhunderts. Und dieser Kontrast verdeutlicht den Reichtum unter Dschingis Khans Herrschaft umso mehr: 1911 wird die Mongolei unabhängig und später die erste sozialistische Republik außerhalb der Sowjetunion.

Bis zur demokratischen Wende 1990 herrscht nun eine orientierungslose Zeit der sozialistischen Umerziehung, der Industrialisierung, Zwangsumsiedlung, des Sesshaftwerdens. Ein denkwürdiges Foto zeigt die 35 mongolischen Schüler, die 1925 zur Ausbildung nach Deutschland und Frankreich geschickt werden. 1943, zurück in ihrer Heimat, werden sie der "Spionage für Deutschland" bezichtigt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Bis 29. Januar 2006. Di.-So. 9.30-17.15 Uhr, Maximilianstr. 42. Info unter Tel. 089/ 210 13 61 00. Der Katalog kostet 28 Euro.

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