Die goldenen Jahre

- Zum Saisonstart lässt er Kollege Riccardo Muti den Vortritt. Eine bescheidene Geste, die zu Mariss Jansons passt. Doch dann, am 23. und 24. Oktober, ist es so weit: Im Münchner Gasteig leitet er seine ersten Konzerte als neuer Chefdirigent beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks. Jansons (60) stammt aus Riga, studierte in Leningrad und Wien und stand über 20 Jahre an der Spitze der Osloer Philharmoniker. Überdies war er Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra, mit dem er zurzeit auf Abschiedstournee ist. Auch die Münchner müssen sich den uneitlen Star mit einem anderen Ensemble teilen: 2004 übernimmt Jansons noch das Concertgebouw-Orchester Amsterdam.

<P>In der BR-Vorschau kündigten Sie eine Weiterentwicklung des Repertoires an. In welche Richtung?<BR><BR>Jansons: Zuerst muss ich München als Musikstadt besser kennen lernen. Ich höre immer, es sei eine eher konservative Stadt. Das macht mich natürlich vorsichtig. Ich will unser Publikum nicht verlieren, gerade in dieser ökonomisch schwierigen Zeit. Wir müssen einen klugen, strategischen Weg finden, wie wir das Programm des Orchesters auffrischen.<BR><BR>Wodurch zum Beispiel?<BR><BR>Jansons: Ich hoffe vor allem auf gute Resultate beim jungen Publikum. Es gibt jetzt Generalproben für die Jugend, es gibt ein Konzert mit dem Hochschulorchester, dem Landesjugendorchester und unserer Orchesterakademie. Ich bin auch sehr neugierig, was mit musica viva passiert. Kein anderes Orchester spielt so viele Konzerte mit zeitgenössischer Musik. Das ist fantastisch. Ich habe aber gehört, dass sehr wenige Karten verkauft werden. Man muss die Situation objektiv sehen und sich nicht etwas vormachen.<BR><BR>Mit der Übernahme des Orchesters beginnt auch ein neuer Lebensabschnitt für Sie. Was wollen Sie in München für sich ausprobieren?<BR><BR>Jansons: Meine Aufgabe als Chefdirigent ist es, dem Orchester und dem Musikleben hier zu dienen, nicht nur persönliche Visionen zu verwirklichen. Gut, ich stelle mir etwa einen Haydn-Zyklus vor. Da wurde mir gesagt: Sei vorsichtig, Mahler mag funktionieren, aber Haydn . . . Dennoch wäre dieser Komponist wichtig für die Spielkultur.<BR><BR>Spüren Sie zu Beginn dieser Ära in der unbekannten Stadt auch Unsicherheit?<BR><BR>Jansons: Das nicht. Für mich gibt es eben viele Fragezeichen. Ich kann nicht mit dem Fuß die Türe auftreten und sagen: Hallo, jetzt kommt das Genie. Ich will ein breites Repertoire in den ersten Jahren dirigieren, damit ich sehe, wo man Schwerpunkte setzen kann. Wir musizieren in der ersten Saison Britten, Strawinsky, Webern und Schönberg - Werke, die vom Orchester lange nicht gespielt wurden. Ich habe in jedes Programm ein wenig Salz gestreut. Mal sehen, wie die gewürzten Abende ankommen.<BR><BR>Es gibt Orchester auf vergleichbarem Niveau, die viel mehr Konzerte pro Saison spielen. Wollen Sie hier etwas ändern?<BR><BR>Jansons: Die BR-Symphoniker bringen nur 16 Programme. Das ist nicht viel. Wieder so ein Fragezeichen. Viele Musiker spielen dazu Kammermusik, auch in anderen Ensembles. Es muss eben die Balance zur Hauptarbeit stimmen. Fragen Sie mich im nächsten Juni noch einmal.<BR><BR>Hat sich durch die vielen, vor allem ökonomischen Zwänge auch die Rolle des Dirigenten geändert? Also weg vom allein herrschenden Star?<BR><BR>Jansons: Wir sind von so vielen Dingen abhängig. Wir dürfen nicht stur sein. Kompromisse muss es geben - nur nicht bei der Qualität. Die rangiert für mich immer an Nummer eins. Am Beginn des 21. Jahrhunderts, mit so viel Stress, mit einem derart hohem Lebenstempo, mit derart vielen Umgebungsreizen und Möglichkeiten, kann sich ein Künstler nicht isolieren. 200 Menschen werden ihm vielleicht folgen - zu wenige. Ich bin ein Teamarbeiter.<BR><BR>Gibt es Werke und Komponisten, die Sie sich noch aufheben? Oder zu denen Sie keinen Zugang finden?<BR><BR>Jansons: Zum Beispiel zur Musik Carl Nielsens finde ich keine Brücke. Aber je älter ich werde, desto neugieriger werde ich. Auch auf bekanntes Repertoire. In Salzburg habe ich Schuberts "Unvollendete" aufgeführt. Jeder macht sie, Tausende Male. Ich möchte aber dem Publikum etwas von meiner "Unvollendeten" erzählen. Darauf brenne ich.<BR><BR>Gibt es Momente, in denen Sie nicht an Musik denken?<BR><BR>Jansons: Ich habe gerade mit meiner Frau Urlaub in Italien gemacht. Und ich hatte Partituren dabei. Der Sommer ist die einzige Zeit, in der ich Musik hören kann, etwa Werke, die ich noch nie dirigiert habe oder die mir total unbekannt sind. Eine Zeit, in der ich auch Programme plane. Ohne Musik bin ich eigentlich nie. Aber ganz ehrlich: Ich möchte solche Momente erleben.<BR><BR>Sie sprachen von vielen Fragezeichen. Wann wissen Sie, ob Sie Ihren Dreijahresvertrag verlängern?<BR><BR>Jansons: In Pittsburgh hatte ich auch drei Jahre vereinbart und immer wieder verlängert. Ich wollte mir die Möglichkeit eines Weggangs offen halten. Aufgrund der Programmplanung wäre es logisch, wenn ich zwei Jahre vor Vertragsablauf Bescheid sage. Aber ich kann Sie beruhigen: Solche Orchester wie das Münchner leitet man nicht nur für drei Jahre. Ich bin ja nicht mehr jung, kann nicht mehr schnell von einem Ensemble zum anderen springen. Man sagt, zwischen 60 und 70 liegen die goldenen Jahre eines Dirigenten. Und die will ich mit einem hervorragenden Orchester genießen.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR>"Das Programm auffrischen": Mariss Jansons, neuer Chefdirigent des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks.Foto: Kurzendörfer</P>

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