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Carlo Godonis "Trilogie der Sommerfrische" hat am Donnerstag Premiere.

Interview mit Regisseur

Herbert Fritsch: „Aktualität langweilt mich“

München - Goldoni im Residenztheater: Herbert Fritsch spricht im Merkur-Interview über Urlaub, seine Art zu inszenieren und seine Angst vor der Premiere.

Seine erste Arbeit fürs Bayerische Staatsschauspiel versüßte manchem Münchner den langen Winter vor eineinhalb Jahren. Herbert Fritschs rasante, schillernd-groteske Inszenierung von Nikolai Gogols „Der Revisor“ feierte kurz vor Weihnachten 2012 im Residenztheater Premiere. Nun ist der in Berlin lebende Regisseur zurück und schickt ab morgen sein Publikum mit Carlo Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“ in die Ferien.

Bei Goldonis reist das venezianische Bürgertum in den Urlaub. Erholsam wird der aber nicht. Kennen Sie das Phänomen?

Heinz Erhardt hat gesagt: Urlaub, das hängt im Urwald an den Bäumen. Ich finde Urlaub grundsätzlich schrecklich. Diese Massenabfertigung im Süden, alle liegen sie da am Strand. Ich bleibe im Sommer in Berlin. Die Stadt ist leer, die Luft ist besser als sonst. Ich habe meine Ruhe. Aber der Urlaubsstress, die Gier danach, das begreife ich immer weniger. Man muss überlegen, wo man hinfährt, was man macht und wo und wie. Das ist für mich der blanke Horror.

Haben Sie bei der Inszenierung Bezüge zur Aktualität, zum Ferienhorror von heute gesucht?

Nein, Aktualität interessiert mich grundsätzlich nicht. Aktualität langweilt mich. Sie ist anbiedernd, eine Form von Realitätssucht. Man will gewaltsam der angeblichen – uns eingeredeten – Wirklichkeit gerecht werden.

Wie gehen Sie dann an eine neue Inszenierung heran? Angeblich lesen Sie ja vor der ersten Probe das Textbuch gar nicht.

Ich lese es ein halbes Jahr vorher. Und das ist immer eine Riesenquälerei für mich. Danach lege ich das Textbuch weg und schaue nie wieder hinein. Klar, ich bin auch ein bisschen faul, aber irgendwie will ich grundsätzlich nicht zu viel vorher wissen. Erst bei der Leseprobe mit den Schauspielern höre ich mir den Text wieder an.

Wie nähern Sie sich ihm gemeinsam mit dem Ensemble?

Ich spiele mit ihm zusammen. Man wirft mir vor, ich würde den Schauspielern dadurch etwas vorschreiben. Das sei ein Dressurakt. Aber es ist nur ein Vorschlag, auf den der jeweilige Schauspieler reagieren kann. Ich bin keiner, der formuliert, wie eine Szene auszusehen hat. Ich weiß nicht, was ich erzählen möchte. Ich entwickle mich von Probe zu Probe weiter, lerne das Stück kennen, und erst, wenn ich die Generalprobe sehe, denke ich: Ach so, darum geht’s also! Ich will weder schlauer sein als das Stück selbst noch als das Produkt, das im Prozess mit dem ganzen Ensemble entsteht.

Nach Gogols „Der Revisor“ inszenieren Sie nun wieder eine Komödie für das Residenztheater. Überhaupt scheinen Sie derzeit stark für Komödien gebucht zu sein. Ihre Inszenierungen werden als „Champagner-Theater“, „überdreht“ bezeichnet.

Ich habe ein Problem damit, wenn ich zum Spaßonkel abgestempelt werde. Da wird nicht genau hingeguckt. Auch in der Komödie herrscht meist eine große Verzweiflung, nur ist diese – von außen gesehen – oft sehr lustig, manchmal aber auch gar nicht so lustig. Während der Nazizeit sagte man über die sogenannte „Entartete Kunst“, etwa Ernst Ludwig Kirchners Expressionismus, das seien alles Witzfiguren, die er da gemalt habe, eine Veralberung der Realität. Genauso argumentiert man bei mir. Wieso?

Sie ziehen eine harte Parallele.

Ich habe diese Parallele bewusst gezogen. Sodass man sich das auch einmal bewusst macht. Derzeit ist ja extrem viel Betroffenheitstheater, viel politisches Theater gefragt. Ihr da oben, wir da unten. Immer mit denselben griffigen Floskeln. Im Zuschauerraum sitzt dann ein Abnickpublikum und sagt: Ja ja, es ist alles so schrecklich. Und die Journalisten feiern die großen Gesten der Ehrlichkeit, die ja auch nur einstudiert sind. Und wenn dann ein Darsteller so still und in sich versunken spricht, dann wird das als ganz tief empfunden. Mir dagegen wird extrem viel Oberflächlichkeit vorgeworfen.

Was halten Sie dagegen?

Ich arbeite sehr schnell und verlasse mich auf die erste Entscheidung, denn die erste Entscheidung geht immer am tiefsten, weil sie spontan getroffen ist. Ich setzte auf Momente, die in der Probe plötzlich da sind und Dinge zeigen, die wir nicht verstehen. Wo ich mich frage: Mensch, wo kommt das her? Wenn ich dagegen lange daran arbeite, diskutiere, überlege, wie man diesen Satz sprechen könnte oder die Hand in jenem Moment halten sollte, dann wird alles immer mehr an die Oberfläche gezogen. Das Ausgedachte, das ist das wirklich Oberflächliche.

Morgen hat Ihre Inszenierung Premiere. Allerdings ohne Sie. Warum sind Sie nicht dabei?

Ich gehe nie in meine Premieren, ich trau’ mich nicht. Es könnte passieren, dass ich mittendrin aufspringe und wieder zu proben anfange. Irgendwas geht mir womöglich gegen die Hutschnur, ich renne auf die Bühne, der Abend ist unterbrochen. Nein, ich will die Schauspieler endlich gehenlassen, loslassen. Die Premiere gehört ihnen und nicht mehr mir.

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

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