Goldschatz und Totenkopf

- Manching bei Ingolstadt war schon immer ein Ort an mächtig flutenden Verkehrsströmen. Heute rauschen die Laster und Autos auf der Autobahn München-Nürnberg vorbei, in der Antike waren es Pferdekarren, Lasttiere, aber auch Schiffe. Sie schlängelten sich über Altwässer der Donau hin zum Hafen von Manching. Kelten hatten sich am Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus hier verstärkt angesiedelt, schließlich konnte man bequem nach allen Himmelsrichtungen Handel treiben und war zugleich mit Wild, Anbauflächen, Wasser, Eisenvorkommen und Holz gut versorgt.

Erinnerung an die große Stadt der Kelten

Kein Wunder, dass ein richtig großes Oppidum - zuletzt 380 Hektar (zehn Prozent sind erforscht) - entstand und sich die wohlhabenden "Städter" sogar eine sieben Kilometer lange Stadtmauer, und zwar eine höchst aufwändig konstruierte Gallische Mauer, leisten konnten. Auch als das alte Manching längst ins Erdreich und Vergessen gesunken war, blieben Reste dieses "Keltenwalls" bestehen.

Er führte die Ausgräber seit 1892 auf die richtige Spur. Was die Archäologen zum Teil unter ungünstigsten Umständen (Flughafen der Nazis) bis heute retten, sichern, analysieren und deuten konnten, ist nun im kürzlich eingeweihten Kelten-Römer-Museum Manching für jedermann aufbereitet (Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung München).

Dass die Römer unvermeidlich auf die Kelten folgten beziehungsweise diese in der römischen Besiedelung aufgingen, gilt auch für die Manchinger Region: insbesondere weil die Donau die Grenze zu Germanien war. Deshalb hat man die Entdeckungen im nahen Oberstimm, wo ein Kastell stand, ins Museum integriert - vor allem eine Sensation: die beiden überraschend gut erhaltenen, rund 15 Meter langen Militärschiffe für 20 Ruderer (rund 118 n. Chr.). Übrigens: Als die Legionen 15 v. Chr. "Bayern" bis zur Donau besetzten, war Kelten-Manching längst ausgestorben.

Wenn jetzt der Besucher am Rande der heutigen Marktgemeinde von der Straße aus Richtung Museum schlendert, dann taucht er kurz in ein Fleckchen Auwald. Ein Bächlein plätschert der größeren Paar entgegen, umstanden von Erlen und Weiden, während Schwalben einander über Wiesen jagen: Dieses feuchte Land, über das uns durchsichtige Gitter-Stege zum Museum führen, machten die Kelten urbar. Deswegen setzte Landschaftsarchitektin Anna Zeitz bereits in der Freifläche Holzpfähle in den Grund, die sich im Museum vom Stamm bis zum schön behauenen Vierkantholz wiederfinden. Die lang gestreckte keltische Ständerbauweise (Fachwerk) griff auch das Münchner Büro Fischer Architekten auf. Nur dass sie ihren schnittig extra-langen Glasriegel auf Betonständern aufbockten. Aus dem geräumigen Foyer kommt man, sozusagen erhoben, zunächst in die Halle für die Kelten-Exponate, geht danach über eine Raum-Brücke, in der sich das Filmzimmer (Infos übers Oppidum) befindet, zu den Römern. Dort blickt man von einer Galerie auf die ebenerdig liegenden Schiffe herab.

Oberste Priorität sowohl der Architektur als auch der Ausstellungsgestaltung ist "Verständlichkeit". Ihr wird die Ästhetik freilich nicht geopfert, sondern die Optik dient ihr vorbildlich. Zum Beispiel sind die Bodenvitrinen nicht einfach schicker Schnickschnack: Beschriftungen wie "Keltenmüll" betonen, dass die Fundstellen tatsächlich unterirdisch waren. So erzählen die Tierknochen aus dem Abfall von den Fleischgenüssen der Manchinger, die sie den Bayern wohl vererbten. Zur Verständlichkeit gehört, dass alles vom Stadtmodell (weite Freiflächen zwischen den normalerweise 17 Meter langen Häusern) über eine "richtige" Hauswand bis hin zu den Schädel-Trophäen über die Lebensweise der Kelten und der urbanen Struktur ihres Oppidums Auskunft gibt.

Der "Technologe" von einst war der Schmied oder der Glasmacher. Der stellte sogar Glasarmreife her, ein Können, das mit den Kelten in Vergessenheit geriet. Vieles davon ging in den Handel, sodass Münzen sogar aus Karthago an der Donau Währung waren. In einem "Pavillon" in der Halle, einer Samt-Schnecke, ist denn auch ein veritabler Goldschatz mit fast 500 Münzen untergebracht. Der zweite "Pavillon" aus einer Art Blattwerk-Schleier beweist, dass die alten Manchinger nicht nur geschäftstüchtig waren. Hier sind die Kultobjekte zu sehen, darunter das bezaubernde, weltweit einmalige Gold-Kultbäumchen oder der sensibel geformte Pferdekopf (Eisen). Baum und Tier waren zentrale "Vertreter" der Göttlichkeit. Die spektakulären Funde markieren neben Devotionalien und Hinweisen auf eine spezielle Architektur die heiligen Bezirke.

Um alles noch verständlicher zu machen, gibt es im Museum kostenlose Audioführer, Anschauungsmaterial auf Bildschirmen, nachgebaute Objekte wie die Gallische Mauer oder "nachgemachte" Menschen wie den "Asterix", dessen Gesicht nach einem Schädel lebensecht rekonstruiert wurde. Darüber hinaus werden museumspädagogische Aktionen geboten, bei denen Kinder im Garten zum Beispiel bei der "Keltenhaus Baustelle" mitwerkeln dürfen.

Adresse: Im Erlet 2; von der Autobahn aus sehr gut beschildert; Tel. 08 459/ 32 37 30, www.museum-manching.de; bis 31.10. täglich außer Montag 9.30-16.30 Uhr; 1.11.-28.2. 9.30-15.30 Uhr, am Wochenende ab 10.30 Uhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare