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In der Hauptrolle: München – wie Uli Oesterle die Stadt sieht.

Gotham City an der Isar

Uli Oesterles großer Comic-Roman „ Hector Umbra “ ist ein expressionistisches Meisterwerk.

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Zugegeben, diese Party wird es nie geben. Auf einem Balkon, viele Meter über dem Altar des Münchner Liebfrauendoms, thront Osaka Best, der beste DJ der Stadt, und dreht an seinen Plattentellern. Er hämmert der tanzenden Meute im Kirchenschiff die „Ode an den halbautomatischen Wahnsinn“ in die Ohren, und das mit einer Wucht, dass die da unten den Verstand zu verlieren drohen – im wahrsten Sinne des Wortes. Nur einer kann das verhindern: Hector Umbra , der Titel-Held in Uli Oesterles großartigem Comic-Epos.

Umbra kämpft darin gegen die „Neuralgische Infiltrationsfront“, kurz NIF , kleine fiese Albtraum-Monster aus einer Zwischenwelt, die sich in Osaka Bests Hirn eingeklinkt haben. Die Biester wollen sich über seine Musik eine willenlose Armee heranzüchten – und irgendwann die Weltherrschaft an sich reißen. Klingt hanebüchen? Ist es auch. Und genau so soll es sein.

Hector Umbra: Der schräge München-Comic

Mehr als sechs Jahre lang hat der Grafiker und Illustrator Uli Oesterle, Jahrgang 1966, an seinen drei Umbra-Alben geschrieben und gezeichnet. Nun sind die Bände als Trilogie bei Carlsen erschienen. Endlich, muss man sagen, denn zweifellos zählt „Hector Umbra “ zu dem Besten, was das Comic-Land Deutschland zu bieten hat.

Das liegt etwa an Oesterles expressionistischer Zeichenkunst. Mit kräftigen Farben und klaren Linien verwandelt er selbst das so biedere, klassizistische München in eine glamouröse Großstadt, in eine, die den Comic-Metropolen New York oder Gotham City würdig ist. Die Stadt ist zweifelsohne einer der Hauptcharaktere in Oesterles Opus Magnum. In ihr bewegen sich Umbra und seine Jungs, eine Clique testosterongesteuerter Mittdreißiger, die gerne mal ein Bierchen zu viel trinken. Dieses freilich nehmen sie in real existierenden Etablissements wie dem „Lindwurmstüberl“ zu sich.

Das ausgeprägte Lokalkolorit ist – zumindest für die Fan-Gemeinde südlich des Weißwurst-Äquators – die große Stärke von Oesterles Comic-Roman. Hector Umbra fährt mit der hiesigen U-Bahn und futtert in dem weltbekannten Schnellimbiss-Restaurant am Stachus. Selbst der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude kommt vor: Er hat die große Sause in der Frauenkirche letztinstanzlich genehmigt – und ist damit wohl schuld daran, dass sie, so viel sei verraten, die „Ode an den halbautomatischen Wahnsinn“ nicht unbeschadet übersteht.

Uli Oesterle: „Hector Umbra “, Carlsen, Hamburg, 216 S.; 24,90 Euro.

Hector Umbra ziert zudem das Plakat des 19. Comic-Festivals, das vom 11. bis 14. Juni in München stattfindet. Uli Oesterle liest am 12. Juni in der Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7 (20.30 Uhr). Weitere Informationen unter www.comicfestival.de.

Thierry Backes

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