Gotscheffs ideologische Sendung

- Plötzlich erschüttert ein gewaltiges Zischen die große, schwarze, nackte Bühne. Und aus den an den Seiten aufgereihten Kleinkanonen werden Unmengen Konfetti und Luftschlangen in den Theaterhimmel geschleudert. Ein barockes Feuerwerk. Und die Papierschlangen, so gewaltig nach oben gepustet, bilden eine Art bunten Dom.

Das ist ein ganz und gar überraschender Beginn für den "Tartuffe" des Moliè`re (1622-1673). Und man staunt nicht schlecht, mit welcher Grandezza Regisseur Dimiter Gotscheff diese riesige Theaterhalle auf der Perner Insel in Hallein in Besitz nimmt. Für die Salzburger Festspiele inszenierte er dort die fünfaktige Komödie, das Meisterwerk des französischen Klassikers. Ein Stück der strengen Form, der Grazie, des Esprit.

Eigentlich ist "Tartuffe" ein Kammerspiel, ein "Zimmer"-Stück. Für die Perner Insel, für die Halle, die nach großen Stoffen schreit, nach Haupt- und Staatsaktionen und Spektakel, völlig ungeeignet. Also muss es aufgeblasen und sozusagen passend gemacht werden für den weiten, offenen Spielraum.

Vielleicht war ja das die Hauptintention des Regisseurs. Doch mit dem fulminanten Anfang hat Gotscheff auch schon all sein Pulver verschossen. Das Ergebnis des Feu d'artifice: ein Bühnenboden übersät mit buntem Papierzeug. Stolperschlingen, die das ganze Stück zu Fall bringen. Aus der Komödie wird ein Belehrungsdrama. Denn über die räumliche Erweiterung hinaus fügt Gotscheff dem Moliè`re reichlich Texte aus der Bibel und Zitate von Cicero bis Heiner Müller hinzu.

Da gibt es also nichts mehr zu lachen in dieser Komödie. Außer es fände jemand Vergnügen an der platten und vulgären Confé´rence der Kammerzofe Dorine (Judith Rosmair). Sie schickt Gotscheff noch vor dem Konfetti- und Luftschlangen-Bombardement als kabarettistisch gemeinten Prolog an die Rampe, wo sie als bulgarische Gastarbeiterin die Zuschauer mit billigen Gags anmacht.

Selbstverständlich lässt der Regisseur das Stück heute spielen, natürlich bemüht er sich kräftig um Gesellschaftskritik. Orgon - ein bigotter Schwachkopf. Seine Frau und Kinder: hohle Luxusgeschöpfe. Schwager Clé´ante: ein eitler Schwadroneur. Und Tartuffe: ein Prediger nach amerikanischem Vorbild. Ein Sektenführer und Heilsversprecher, der die Massen in Verzückung treibt und den Einzelnen in den Wahnsinn - Orgon am Ende ein Büßer und Schmerzensmann in Unterhosen. Die Zuschauer aber, die hier die Rolle der Massen übernehmen sollen und ebenfalls mit Konfetti und "Oh Happy Day"-Gesängen berieselt werden, bleiben doch sehr reserviert.

Moliè`res Stück war einst eine hochpolitische Charakterkomödie. Das könnte sie heute durchaus noch immer sein. Dass sie das hier nicht ist, liegt auch daran, dass sie schauspielerisch einfach unterbesetzt ist. Norman Hacker in der Titelrolle und Peter Jordan als Orgon sind - jedenfalls gemessen an Preis und Anspruch der Salzburger Festspiele - doch nur Schmalspurkomödianten und auch darum wohl anfällig für Gotscheffs ideologische Sendung. Der Bulgare aus Berlin ließ alle Form fahren, auch die der wunderbaren, witzigen Übersetzung von Hartmut Lange und Benno Besson aus dem Jahr 1964. "Tartuffe", der Klassiker der Franzosen, als charmelose Zone.

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