Ein Gott der Frechheit sagt Ade

- München - Die Sonne geht glutrot unter hinterm Kanzleramt. Abenddämmerung. Götterdämmerung. Zweimal donnert ein Hubschrauber übers Tipi. Sehr störend. Denn in dieser schönen, bunten Arena gleich neben der Regierungsburg geht an diesem Abend der letzte "Scheibenwischer" über die Bühne. Einmal, als Bruno Jonas mit einer hinreißenden Anmoderation von 20 Uhr bis 20.13 Uhr das Zelt-Publikum in Vorfreude und Hochstimmung versetzt. Das zweite Mal - da hat der "Scheibenwischer" schon begonnen und wird ausgestrahlt in die ganze Republik. Was, fragt erst Jonas, später Dieter Hildebrandt prophylaktisch, haut er jetzt ab? Ein Name braucht da nicht zu fallen, bei dieser Nachbarschaft . . .

<P>Da helfen keine Absperrung, kein Stacheldraht, keine Bundesgrenzschutz-Patrouille zu Sicherung und Schutz des Kanzlers. Der Sprengstoff, der am Vorabend der Feiern zum 3. Oktober seinen Superbunker erschüttert, ist von anderer Art. Es sind die Knalleffekte des Spotts, die Pointen des satirischen Geists, die durchschlagende Kraft des politischen Witzes. "Es stimmt, ich höre auf", sagt Hildebrandt, "aber der da drüben hat noch gar nicht angefangen."</P><P>"Die Steuern müssen nicht rauf, die Steuern müssen nicht runter, die Steuern müssen bezahlt werden."<BR>Volker Pispers</P><P>Doch an diesem Abend wird nicht nur politisches Kabarett gemacht. Dies ist vor allem der Abend Dieter Hildebrandts. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB, vormals SFB), bei dem 23 Jahre lang der "Scheibenwischer" sein ARD-Zuhause hatte, hat jetzt seinen Gott der Frechheit entlassen und ihm mit dieser letzten, 145. Sendung ein Fest bereitet.</P><P>Die Crème der so genannten Berliner Gesellschaft im Zuschauerraum. Darunter der abgetakelte Ex-Regierende Walter Momper und der DGB-Chef Michael Sommer, die rheinische Frohnatur Ulla Schmidt und die an diesem Abend nicht einmal von den Kabarettisten wahrgenommene Renate Künast. Dazu noch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Strickjacke. Er wusste im Voraus: Als Politiker muss man sich bei Hildebrandt & Co. warm anziehen. Die Crè`me des deutschen politischen Kabaretts zusammen mit Hildebrandt auf der Bühne. Bruno Jonas, Richard Rogler, Mathias Richling, Georg Schramm, Volker Pispers und als Sänger Konstantin Wecker. Alle längst keine Zauberlehrlinge mehr. Und trotzdem huldigen sie ihrem Meister. Zusammen schauen sie auf die Anfänge des "Scheibenwischers" zurück. "Die bei der ARD trau'n sich was", will Rogler vor 23 Jahren gesagt haben, als tatsächlich der ersten eine zweite Sendung folgte. Und die Tatsache, dass sich der Bayerische Rundfunk schon mal bei der ARD ausgeklinkt hat, weil die CSU-regierten Bayern die Wahrheit nicht hören und noch viel weniger über sie lachen sollten, und dass der "Scheibenwischer" ansonsten unangefochten über viele Jahre für den richtigen Durchblick sorgte _ diese Tatsache ehrt die gesamte ARD.</P><P>Dass der RBB nun zum letzten Mal seine kabarettistische Wischwaschanlage in Gang gesetzt hat, sieht an diesem Abend von den Zuschauern niemand so recht ein. Denn: sozialpolitisch höchst unklug. Galt bis jetzt doch der 76 Jahre alte Hildebrandt, dieser kostengünstige Senior, als Musterargument dafür, dass das Renteneintrittsalter getrost nach oben verschoben werden kann. "Hildebrandt liegt keinem auf der Tasche. Wir können es uns nicht leisten, dass er aufhört", propagiert Rogler und schlägt ihn gleich als zukünftigen Bundespräsidenten vor: "Damit Schloss Bellevue nicht mehr ein Endlager ist für ausgebrannte Elemente."</P><P>"Westerwelle ist keine Comicfigur, den Mann gibt's wirklich."<BR>Georg Schramm</P><P>Das würde Hildebrandt selbstredend garantieren. Denn wenn er spricht, hört niemand weg. Er hinterlässt seine markanten Spuren. Also auch an diesem Abschiedsabend. Ganz ernst wird er, wenn's sein muss - wie zum Beispiel im Fall des Münchner Staatsanwaltes Martin Hofmann, der es jüngst mit dem Recht zu rechts trieb, indem er zwei KZ-Opfer anklagte, die zum Widerstand gegen eine Demo des Rechtsextremisten Martin Wiese aufriefen.</P><P>Das Publikum ist auf Lachen eingestellt. Doch in diesen Momenten - und das schafft Hildebrandt durch die Wahrhaftigkeit seiner Persönlichkeit - jagt er ihm Schauer des Erschreckens über den Rücken. Ehe er mit gewohnter Lässigkeit zurückfindet zu Witz und satirischer Schärfe wie: "Die Jungmanager kommen sich vor wie der Geist der Flasche, dabei sind sie die Flaschen." Oder zu seinen Wortspielen wie dem über Boris Becker: "Der hinterzieht jetzt nach Zug."</P><P>Hildebrandt wird der ARD fehlen, falls es denn wirklich sein letzter Auftritt gewesen sein sollte. Wenn er auch schon mal in melancholischer Selbstironie zusammen mit Jonas über Nutzen und Segen des politischen Kabaretts resümiert: "Den Rhein-Main-Donau-Kanal haben wir verhindert - bis er fertig war."</P><P>Es gehört aber noch etwas anderes zur Ironie des "Scheibenwischer"-Schicksals. Peter Ensikat, Autor und Chef der Berliner "Distel", des einstigen DDR-Kabaretts, schrieb in der Berliner Zeitung Hildebrandt zum Abschied: Er mit seinem "Scheibenwischer" sei es gewesen, der, mehr als alle Propaganda und Waren-Werbung, für die DDR-Deutschen das verheißungsvolle Bild der alten Bundesrepublik bestimmte.</P><P>Welch ein Widerspruch. Denn dieser letzte "Scheibenwischer" am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit ist nicht zuletzt beredter Ausdruck dafür, wie es um die Einheit bestellt ist: kein Kabarett-"Ossi" weit und breit. Und man wird den Eindruck nicht los: Ein bisschen feiert in einem furiosen Abgesang die Kabarett-Elite der alten Bundesrepublik ein letztes Mal sich selbst. Es war ein wunderbares Fest. Standing Ovations für Dieter Hildebrandt.</P>

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