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Roman Polanskis Kammerspiel

„Der Gott des Gemetzels“ kommt ins Kino

München - Man kennt es, und es darf auch jetzt wieder erwartet werden: dass ein verfilmtes Theaterstück sämtliche Publikumsrekorde der Schaubühnen überbieten wird.

Fragt man heute nach „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, fallen blitzartig die Namen Elizabeth Taylor und Richard Burton. Geradezu unsterblich. Das Stück von Edward Albee wurde 1962 uraufgeführt und vier Jahre später von Mike Nichols auf die Leinwand gebannt. Und so wird es vermutlich Yasmina Rezas Komödien-Hit „Der Gott des Gemetzels“ über zwei so gediegene wie arrivierte Ehepaare aus gutbürgerlicher Gesellschaft auch ergehen. Film und Bühne, stellt sich hier heraus, sind keine Konkurrenten. Im Gegenteil, sie befördern und beflügeln sich gegenseitig.

Die Zuschauer, die den „Gott des Gemetzels“ an Münchens Residenztheater gesehen haben, werden deswegen nicht auf den Kinobesuch verzichten. Im Theater lief die Inszenierung Dieter Dorns von Januar 2008 bis fast zum Ende der Dorn-Ära im Sommer 2011 in mehr als 90 ausverkauften Vorstellungen. Jetzt wird man erst recht wissen wollen, wie Regisseur Roman Polanski diesen Schauspieler-Leckerbissen in das Medium Film übertragen und was die Geschichte dabei gewonnen hat. Man wird neugierig sein darauf, worin sich die Film-Heroen Jodie Foster und John C. Reilly von den Bühnen-Stars Sibylle Canonica und Michael von Au unterscheiden. Und was die Berühmtheiten Kate Winslet und Christoph Waltz künstlerisch trennt von der in München bereits zur Legende gereiften Sunnyi Melles mit ihrer grandiosen Kotz-Nummer und von Stefan Hunstein. Das wird nicht anders sein in Wien, Zürich und Berlin, in allen großen und kleinen Städten, in deren Theatern „Der Gott des Gemetzels“ auf dem Spielplan stand oder, noch besser, steht. Denn dann wird so mancher Kinobesucher dieses Schlachtfest der Wohlanständigen doch noch einmal live erleben wollen. Das Stück der Yasmina Reza, der derzeit erfolgreichsten Dramatikerin zumindest Europas, spielt in der Statistik des Deutschen Bühnenvereins ganz oben mit. In der Saison 2007/08 rangierte es mit 44 Neuinszenierungen nach Goethes „Faust“ (49) auf Platz zwei. Aber mit 893 Aufführungen und 227 659 Besuchern schob es sich dennoch in Deutschland gegenüber dem „Faust“ auf den ersten Platz. „Der Gott des Gemetzels“ passt immer und überall und für jeden. Egal ob die Geschichte um zwei Elternpaare, die eigentlich nur die Schulhof-Schlägerei ihrer kleinen Söhne verhandeln wollen, in Frankreich, Deutschland oder in den USA spielt. Für die Aufführung am Broadway zum Beispiel wurde das Geschehen nach Brooklyn verlegt. Anlass für Polanski, seinen Film ebenfalls in New York anzusiedeln. Hilfe bekam er dabei von der Autorin selbst. Reza, die ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Regisseur unterhält, verfasste mit ihm das Drehbuch.

Dass diese beiden einen besonderen Draht zueinander haben, mag nicht zuletzt an ihrer internationalen Herkunft, man kann auch sagen ihrer Heimatlosigkeit, liegen. Polanski (78) – der französisch-amerikanische Pole. Und Reza (52) – die ungarisch-iranische Französin, beide in Paris geboren. „Die einzige Heimat, die ich kenne“, sagte sie einmal, „ist die französische Sprache“. Und genau das zeichnet ihre unsentimentalen, scharfsinnigen, pointenreichen Stücke aus: Der Tonfall, das Tempo, Rhythmus und Klang der Sprache – darin liegt die ganze Wahrheit ihrer Figuren, daraus beziehen sie Haltung und Charakter. Gründlich überprüfen lässt sich das auch in Rezas Prosa, darunter das fabelhafte Sarkozy-Wahlkampf-Porträt „Frühmorgens abends oder nachts“ (Hanser Verlag). Und in ihrer bereits zum Klassiker avancierten Komödie „Kunst“, die erst kürzlich wieder im Metropol-Theater in München-Freimann zu sehen war – und, wenn man Glück hat, im neuen Jahr auch wieder ins Repertoire kommt.

"Der Gott des Gemetzels": Free-TV-Premiere auf ARD

Sabine Dultz

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