Ein Gott der Malerei

- Paradies ohne Sünde, Raum ohne Raum - Henri Matisse (1869-1954) ist der Schöpfer von Unmöglichkeiten. Und sie erzählen in visuellen Zeichen, dass diese visionären Welten nur in der bildenden Kunst möglich werden. Düsseldorfs K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen lädt ab morgen zu einer Reise in die wunderschöne Utopie von "Figur Farbe Raum".

Nach langer Planungsarbeit und Verschiebungen der Ausstellung, um alle gewünschten und weltweit verstreuten Leihgaben zu bekommen, ist die seit 1930 (Berlin) größte deutsche und seit 1975 (Paris) größte europäische Matisse-Schau mit rund 200 Werken zustande gekommen. Ein phänomenaler Überblick, der die herausragende Bedeutung des in Französisch-Flandern geborenen Künstlers für die Klassische Moderne und aktuelle Kunst anschaulich macht. Und das mit einer federleichten "Pädagogik" (inklusive der Fotos von Meister, Modell und Möbeln); sie folgt den scheinbar locker hingezauberten Gemälden, Zeichnungen - wie sehr beeinflusst seine Linie Picasso! -, knorrig-witzigen Bronzen, Grafiken und Papierschnitten von Matisse: Nie hat er mit einem schweißigen "Ich-mache-Avantgarde"-Gestus geprotzt.

Der bescheidenen Souveränität eines Gottes der Malerei passte sich Kuratorin Pia Müller-Tamm an. Gerade weil sie nicht eine Retrospektive zusammengetragen, sondern weil sie als Kernstücke weibliche Figur und Interieur herausgefiltert hat, kann sie Matisses Entwicklung bestens ausleuchten. Die ist für uns umso frappanter, da es in deutschen Museen nur vereinzelt Arbeiten des Franzosen gibt; man also keine Chance hat, ihn angemessen zu erleben. Darüber hinaus wurde, so Kunstsammlungschef Armin Zweite, Matisse in Deutschland allzu häufig als Deko-Maler missverstanden.

Ausgehend von dem "Roten Interieur, Stillleben auf blauem Tuch" (1947) aus eigenem Bestand begab sich Müller-Tamm in des Malers Räume ohne Raum. Die dritte Dimension wird dem Auge nicht vorgegaukelt. Der Maler desillusioniert. Er kreiert ausdrücklich Zeichen - in Farben, Flächen und Linien: Deswegen ist eine blaue Vase so wichtig wie eine rosige Frau, der rote Goldfisch von gleichem Bild-Wert wie ein lesendes Mädchen. Matisse behauptet nicht, zum Wesen des Menschen, der Dinge vorstoßen zu können. Er ist ehrlich und gibt uns "nur" - Kunst.

Braun, Grün, Weiß: Der selbe Akkord in einer Zimmerecke mit einem unordentlichen Schreibtisch (1896) und bei einem Frauenakt von kompakter Körperlichkeit (1899/1900), wohl in Cé´zannes Tektonik wurzelnd. Das ist der leise, aber instruktive Expositions-Auftakt, der sogleich dieses Duett erweitert um die passende Kohlezeichnung und Bronze-Nackte. In ihren Varianten zelebrieren sie nicht nur die theatralische Haltung einer Ausdruckstänzerin, sondern verweisen bereits auf Matisses berühmtes Reigen-Bild "La danse". Jenes paradiesische Ringelreihen wird der Maler später als Bild im Bild zitieren. Diese Strategie macht die eigene Kunstproduktion zum Zeichen: Nicht das Materielle ist entscheidend, nicht die Wirklichkeit, vielmehr wird der Versuch unternommen, das Immaterielle malerisch zu denken - aber ohne abstrakt zu werden. Wieder so ein Matisse'sches Paradoxon.

Der junge Mann, angestellt als Jurist, hatte sich 1891 entschlossen, Maler zu werden. Die Schau vermerkt knapp den Start, um dann unter anderem seine Farb-Sprünge herauszustellen. Immer wieder, noch Ende der 30er-Jahre und in den 40ern, gewinnt die Farbe eine neue Kraft-Dimension dazu: Eines seiner hübschen Mädchen sitzt in einem fast grell leuchtenden Wintergarten hinter einem Tisch mit dunkler Platte. Rechts krakeelt optisch eine etruskische Vase in Orange, links in Knallrot der Vorhang; die Pflanzen drängen sich in einem schon gefährlichen Grün vor. Die menschliche Gestalt ist umzingelt von einer beinahe gewalttätigen Farblichkeit.

Matisse trieb sein Können (Spätimpressionismus, Kubismus, Fauvismus), angeregt durch islamische Kunst - 1910 sah er in München eine umfassende Ausstellung - oder von Ikonen, seine Flächen-Setzung konsequent fort bis hin zu den Farbpapierschnitten. Zum Orient gehören jedoch gleichfalls Ornament und Odaliske (Haremsdame). Immer kühner, ja manchmal unverschämt verschränkte Matisse Leiber und Verzierungen ineinander. Mit der Strategie der Überdeutlichkeit kennzeichnete der Künstler den Exotismus als Zitat. Er pochte nicht auf die (Schein-) Authentizität der guten Wilden (wie Gauguin). Das Fremde ist Sammlerstück, Teil gebildeter Westlichkeit. Daher platzierte er bürgerliche Damen in orientalisches Ambiente und versuchte insbesondere in den Zwanzigern, die Odaliske mit einem Hauch neusachlicher Kälte zu überziehen.

Da darf es dann sogar zum Blickkontakt kommen, der die Frau, sonst ein versonnenes, in sich gekehrtes Wesen, als selbstbewusstes, ja hartes Gegenüber ausweist. Eine ähnlich unheile Welt baute Matisse in ein mächtiges Format mit dem harmlosen Titel "Die Klavierstunde" (1916). Graue Keile trieb er über die Bildfläche - für sich genommen eine konstruktivistische Komposition. Selbst den Kinderkopf, der angststarr übers Notenheft schaut, teilt ein Keil; er wiederholt sich im Metronom. Im Hintergrund hockt auf einem hohen Sitz als gesichtsloses Wesen die Lehrerin. Positiver Kontrast zu dieser leeren Puppe ist ganz vorne eine wohlgerundete Skulptur. Dass Musik Freude sein könnte, verheißen der rosafarbene Klavierdeckel und die Schnörkel am Notenständer. Sie wiederum korrespondieren mit den Kringeln des Balkongitters, der durchlässigen Grenze zum Draußen, einem grünen Keil. Auch das ist Henri Matisse.

Seine Hauptfähigkeit war jedoch: Er schaute auf die Stille von Zimmern, auf die Ruhe ihrer Bewohnerinnen, dann hinaus durchs Fenster ins Land. Indem er all das zusammenschob auf eine einzige Fläche, öffnete er uns ein Fenster, und wir lernen schauen: ins nachdenkliche Innere, ins erwartungsfrohe Außen.

29.10.2005-19.2.2006, täglich außer montags 10-20 Uhr, Grabbeplatz 5, alle Infos: 08 00/ 83 81 000, Katalog: 25 Euro. Ab 19.3.06 in der Basler Fondation Beyeler.

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