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Wilhelm von Kaulbachs Gemälde (Ausschnitt) zeigt Baumeister, die für Ludwig I. tätig sind.

Ausstellung: Gott oder armer Teufel

München - Pinakothek der Moderne zeigt eine opulente Schau: „Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes“.

Es war ein bewegender Moment, als sich Winfried Nerdinger zum Abschluss der Journalisten-Führung durch seine Abschiedsschau bei diesen bedankte – und im Grunde alle innerlich den Dank zurückgaben. Hatte der scheidende Direktor des Architekturmuseums der TU doch stets herausragende Präsentationen geboten. Ein bisschen verschämt stellte er nun fest, er habe seine „letzte Ausstellung nach 35 Jahren schon ziemlich groß angelegt“. In der Tat stellten er sich und seine Mitstreiter nicht nur 5000 Jahren, sondern auch einem Thema, das noch nie grundsätzlich beackert wurde: „Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes“.

Herausgekommen ist dabei ein fulminantes, doppelbändiges Standardwerk (Prestel Verlag, München), das von „Gott als Architekt“ über die weltlichen Baumeister in den Jahrtausenden auf dem gesamten Globus bis hin zum Landschaftsarchitekten alles behandelt. Herausgekommen ist zugleich eine Exposition, die viel davon erzählt, ohne jedoch den Besucher zu erschlagen. Zunächst gibt es einen flotten Geschichts-Spurt. Dann – Nerdinger liebt die anderen Künste – flirrende Seitenblicke auf die Tonkunst, da Architektur als „gefrorene Musik“ gilt, aufs Theater, klar, die Bühne, und auf die Kinoleinwand, die den Architekten zwischen Freiheits- und Frauenhelden inszeniert.

Im dritten Teil kann der Besucher im „Handwerkszeug“ des Baumeisters schwelgen: von Zirkel und Skizze bis zur Computerzeichnung, vom ältesten Modell nördlich der Alpen (Luginslandturm von Adolf Dachauer d. Ä., 1514, Augsburg) bis zum Skizzenbuch. Unscheinbar und unglaublich intelligent dabei: eine antike Ritzzeichnung, die maßstabsgetreu, aber eben handlich gestaucht eine ganze Säule abbildet. Ein perfektes Hilfsmittel.

Zunächst allerdings wird der Besucher ziemlich überrascht sein, wenn er die Schau „Der Architekt“ betritt. Im ersten Moment wähnt man sich in einer Altägypten-Mesopotamien-Ausstellung. Skulpturen aus dieser Epoche begrüßen einen. Ihnen über die Schulter schauen antike und mittelalterliche Herren. Indes: Wir begegnen hier Architekten. Gleich zu Beginn wird klar, dass diese Position großartig sein kann oder komplett frustrierend – Gott oder armer Teufel sozusagen. Im Reich der Pharaonen konntest du vergöttlicht werden, während in Mesopotamien deine Existenz nicht interessierte. Dort gerierte sich der Herrscher nämlich selbst als Baumeister. Dieses Spannungsgefüge gibt es bis heute. Mal ist der Architekt das Genie, mal der lediglich Ausführende.

Nachgezeichnet wird gleichfalls der Weg vom Handwerker über den Konzeptgeber zum Ideen-Schöpfer, der irgendwann aufpassen muss. Sein Bruder, der Ingenieur, wurde immer mächtiger: Die erste phänomenale Kettenbrücke (Bamberg, 1829) – schönes Modell in der Schau – errichtete Franz von Schierling; Leo von Klenze konnte nur noch den historistischen Zierrat beisteuern.

Winfried Nerdinger wäre nicht der Homme de lettre, der er ist, wenn in der Exposition die Ebene des Mythos fehlen würde. Er wäre aber auch nicht der Realist, der er ist, wenn die bautechnische, konstruierende Seite des Architekten fehlen würde. Diese beiden Linien umrahmen an der rechten und linken Wand das Historienpanorama des Baumeister-Berufsstandes. Denn obwohl der Mythos immer Recht hat, bringt kein Architekt mehr das Kunststück von Amphion fertig. Der spielte seine Lyra so wunderbar harmonisch, dass sich die Steine von selbst zur Mauer von Theben fügten.

Simone Dattenberger

Bis 3. Februar 2013

täglich außer Mo. ab 10 Uhr; Tel. 089/23 80 53 60; zweibändiges Begleitbuch (Prestel Verlag): im Museum 76 Euro, dreibändige Bestandsaufnahme der Ausstellungen seit 1977: 35 Euro.

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