Gott und der Zufallsgenerator

- "Das ist ein Wohlfühl- Film!" Vieles ist schon gesagt worden über die Filme des Dänen Lars von Trier, aber dieses Urteil hatte man bisher eher selten gehört. Es stammt vom Regisseur selber, direkt nach der Premiere seines Films "The Boss of it all" beim Filmfestival von San Sebastian. Übers Internet war der unter chronischer Flugangst Leidende zugeschaltet worden - dicht drängelten sich die Journalisten, um zu hören was das Enfant terrible des europäischen Kinos wohl zu seinem neuesten Streich zu sagen hatte.

Denn der 50-Jährige hat sich gerade wieder einmal neu erfunden. Kürzlich hatte er erklärt, man müsse "ganz anders" Filme machen und angekündigt, er wolle sich eine Auszeit nehmen und daher "Washington", nach "Dogville" und "Mandalay" der geplante Abschluss seiner Amerika-Trilogie, auf Eis legen. Das Resultat dieser Richtungsänderung ist überraschend und auf Anhieb nicht leicht zu verstehen.

Tatsächlich ist "The Boss of it all" eine Art Komödie. Witzig und überdreht, entfaltet sie eine bizarre, nicht unrealistische Geschichte: Der Chef einer IT-Firma hat einen imaginären Oberboss erfunden, der in den USA sitzt, um dadurch unangenehme Entscheidungen leichter durchzusetzen. Jetzt soll die Firma verkauft werden, und die Angestellten bestehen darauf, diesen Oberboss kennenzulernen. Da heuert der Chef einen Schauspieler an, der ihn verkörpern soll. Mehr und mehr identifiziert dieser sich mit der Rolle und wird bald mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert. Natürlich geht es bei diesem spannenden Szenario aus der modernen Arbeitswelt um von Triers bekannte Themen: das Verhältnis von Sein und Schein, die Mechanismen der Macht und die Wirklichkeit des Kapitalismus.

Nicht zuletzt geht es auch um Religion -denn Gott ist ja vielleicht auch nur "The Boss of it all", eine Erfindung von Menschen. So ist der Film auch ein Kommentar zu brisanten aktuellen Debatten um Bedeutung und Funktion der Religion. Überdies ist dies stilistisch etwas Neues: wieder digital und mit Handkamera gedreht, vor allem aber mit einem Computerprogramm, das die Einstellungen einem Zufallsgenerator unterwirft. In den beiden Wettbewerben dieses neben Cannes, Venedig und Berlin größten und wichtigsten europäischen Festivals -in dem von Triers Film außer Konkurrenz lief -präsentierten sich einige große Namen: John Borman mit dem Doppelgängermärchen "A Tiger’s Tail" zum Beispiel und die Polin Agniezka Holland.

Sie hat einen Film über die letzten Jahre im Leben Beethovens gemacht, erzählt aus der Perspektive seiner Notenkopistin Anna Holtz, die vom deutschen Ex-Model Diane Krüger verkörpert wird. Inhaltlich ein bisschen viel Genie-Kitsch, gefiel der Film durch hervorragende Kamera und natürlich durch die Musik. Das Festival ging mit einem Doppelsieg zu Ende: Die "Goldene Muschel" teilen sich der Iraner Bahman Ghobadi und der Franzose Martial Fougeron. Ghobadi, der erst vor zwei Jahren mit dem Kriegsdrama "Schildkröten können fliegen" gewann und auch den Kritiker-Preis bekam, erzählt diesmal in "Half Moon" von einer Gruppe alter Musiker, die durch den Norden des Iran nach Kurdistan fährt und eine Sängerin sucht.

Aber Sologesang ist Frauen von den Mullahs verboten -ein Einblick in die iranische Wirklichkeit zwischen Beklemmung und Poesie. Fougerons "Mon Fils a moi" handelt von einer dominanten, besitzergreifenden Mutter (großartig gespielt von Nathalie Baye, die auch den Schauspielpreis gewann), die ihren Sohn ohne es zu merken an den Rand des Selbstmord treibt.

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