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Dank der trickreichen Videotechnik können Einzelteile verschiedener Personen zu neuen, komischen, manchmal auch obszönen Mischfiguren zusammengesetzt werden.

Premierenkritik

"50 Grades of Shame": Wolpertinger der Wollust

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München - „50 Grades of Shame“ an den Münchner Kammerspiele ist nicht mehr als eine brave Schmuddelsause.

Nein, zum Fremdschämen bestand kein Anlass. Auch wenn zwei nicht mehr gar so jugendliche Damen auf der Bühne ganz schamlos Bauch, Busen, Po und zudem ihre Scham entblößten. Das ist nämlich keine Unsittlichkeit nicht, sondern eine Kunst, jawoll! Schließlich sind wir hier im Theater, genauer: in den Münchner Kammerspielen, bei der Uraufführung von „50 Grades of Shame“.

Dieser Titel (etwa: „50 Grade der Scham“) ist Programm beim jüngsten Bühnenprojekt der Performance-Gruppe She She Pop, und die Anspielung auf den biederen Porno-Bestseller „50 Shades of Grey“ scheint gleich in mehrfacher Hinsicht passend. Denn nach einem witzigen Auftakt, bei dem uns „eine Mischung aus Predigt, Darkroom, Rollenspiel und Frontalunterricht“ versprochen wurde, kam die intellektuelle Schmuddel-Sause („ab 16“) über weite Strecken ziemlich grau in grau daher. Dabei war doch offenbar ein bunter Abend geplant, an dem es, mit vagen Bezügen auf Wedekinds Pubertätsdrama „Frühlings Erwachen“, um zwei Dinge gehen sollte, die eng miteinander verbunden sind: das Schämen und der Sex. Weshalb erst mal aufgezählt wird, was auch heute alles „verboten“ ist – weniger per Gesetz, sondern per Tabu: „Während dem Sex sollte man nicht über den Körper des Partners lachen“, erfahren wir. Oder auch: „Mit Haustieren darf man gar nichts machen.“

Später erzählen dann alle Mitspieler, wofür sie sich schämen oder mal geschämt haben (was man gar nicht immer so genau wissen wollte). Und zur witzigen Kabarettnummer gerät immerhin ein „Aufklärungsgespräch“, in dem es aber vorwiegend um die Situation besserverdienender Freiberufler mit schulpflichtigem Nachwuchs geht: Papi und Mami müssen zwecks Sex das „Zeitfenster“ nutzen zwischen dem morgendlichen Aufbruch der Kinder und dem Punkt, da sie selber das Haus verlassen. Der Haupteffekt der Inszenierung besteht freilich in den „Körperbildern“, die, auf Leinwände projiziert, sozusagen das Bühnenbild sind: Trickreiche Videotechnik „zerschneidet“ die Akteure in Kopf, Oberkörper und Beine, sodass die Einzelteile verschiedener Personen beliebig zu neuen, komischen und manchmal auch obszönen Mischfiguren zusammengesetzt werden, wie man es aus Kinderbüchern mit dreigeteilten Seiten kennt (oder von Monty Python). Und auch wenn sich der Witz bald erschöpft – mit ihrer hampeligen Marionettenhaftigkeit sind diese Wolpertinger der Wollust doch Sinnbilder für das quasi aus Schnittmustern collagierte Individuum der Konsum- und Selbstoptimierungsgesellschaft.

Trotzdem bleibt der Abend allzu unentschieden, und so weiß man nicht recht, was da eigentlich zu sehen war: eine szenisch bebilderte Stoffsammlung? „Schamarbeit“? Ein Geschlechterrollen-Diskurs? „Reife Frauen aus deiner Umgebung“? Ausziehtherapie? Eine hirnlastige Pseudo-Peepshow? Die ganze outrierte Schamgrenzgängerei ist viel zu harmlos, um den Finger in irgendeine Wunde zu legen; und zu brav didaktisch, um wenigstens ins Überdreht-Absurde abzuheben. In der Mischung aus ostentativer, aber seltsam freudloser Entblößung einerseits und krampfhafter Verkopftheit andererseits spiegelt diese Performance wohl eher ungewollt das bizarre Verhältnis unserer Gegenwart zur Sexualität: die längst vom Leistungsprinzip infizierte Lust hat sich in pflichtgemäße Libertinage verwandelt, und statt der Selbstvergessenheit im Genuss gibt’s einen Wettbewerb in Dauerreflexion. Heftiger Applaus für die Darsteller, Buhs für das Konzept.

Weitere Aufführungen am 6., 12. und 16. März sowie am 22. und 27. April; Telefon 089/ 23 39 66 00.

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