Gralshüter der Nostalgie

- Es ist kalt, es regnet, und die mittelprächtige Organisation sorgt dafür, dass sich zu Konzertbeginn viele der 20 000 Zuschauer noch vor den Absperrgittern am Münchner Königsplatz drängeln. Keine idealen Voraussetzungen also für einen ausgelassenen Abend mit Pop-Ikone Paul McCartney.

<P>Aber kaum kommt der auf die Bühne und setzt nach dem obligatorischen "Grüß Gott München" in makellosem Bairisch ein fröhliches "Passt ois?" drauf, herrscht augenblicklich gute Laune. So mag es McCartney und so mögen es seine Fans, die fest entschlossen sind, mit ihm die guten alten Zeiten hochleben zu lassen.</P><P>Und der Gralshüter des Pop liefert, was alle erwarten: Begleitet von einer aufwändigen Multimedia-Show, die auf 38 Bildschirmen mal hemmungslosen Kitsch, mal pure Avantgarde zeigt, bietet McCartney eine Nostalgie-Revue in bestechend guter Qualität. 21 Beatles-Klassiker singt McCartney, unterhält mit lustigem Schuldeutsch und mimt den netten Rock-Opa. Seine hervorragende vierköpfige Band und er selbst zeigen aber nur stellenweise, dass aus diesem fröhlichen Wunschkonzert auch ein einzigartiges Musikereignis hätte werden können. </P><P>Im Vergleich zum letzten Gastspiel 1993 wirken McCartney zwar entspannter und die Show lebendiger, aber wenn der famose Gitarrist Rusty Anderson die sakrale Aura von "Let it be" mit einem schrägen Solo hinterhältig durchbricht, ahnt man, wie aufregend es wäre, wenn die fünf Männer auf der Bühne einfach befreit aufspielen würden, anstatt Denkmalpflege zu betreiben.</P><P>Die wirklich magischen Momente stellen sich immer dann ein, wenn McCartney seine Hits nicht nur sauber nachspielt, sondern mit spartanischen Arrangements von der Patina jahrzehntelanger Hörgewohnheiten befreit. Wie er alleine mit der akustischen Gitarre "We can work it out" interpretiert oder "Michelle" in einer Art Bistro-Version, ist einfach grandios.</P><P>Nach dem rührenden Tribut an die verstorbenen Mitstreiter John Lennon und George Harrison schaltet McCartney wieder auf Entertainer um, schwenkt erst unmotiviert die Deutschland-Fahne und spielt danach die großen Beatles-Hymnen, die das Auditorium dankbar mitsingt. Sichtlich aufgekratzt verabschiedet sich Sir Paul nach fast drei Stunden dann von den Münchnern mit - "Pfüat di".</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.