Grandiose Bilder eines Europa-Dramas

- Hier kocht der Kaiser selber. Rudolf von Habsburg vor seinem Kriegszelt klopft, paniert, brät - natürlich - Wiener Schnitzel. Hinter der Szene links und rechts bricht sich Volksgetöse Bahn. "Schon Leute da?", fragt er kleinlaut. Sie drücken fast die Türen ein. Jetzt muss er seine Rede halten - vom Aufbau einer freien Republik im Herzen Europas, von der Freiheit unserer Ordnung, die notfalls auch außerhalb zu verteidigen ist; er verteilt Schnitzel ans rasende Volk, verspricht jedem alles und wird es später doch nicht halten können. Ein Technokrat, ein Büroleiter, eine graue Maus in rot-weiß-rotem Schlips und Kragen, Chef der Europa AG.

Dann der Auftritt des bunten Vogels der Macht: Ottokar in rotem Purpur und weißem Hermelin, die Krone Böhmens auf dem Kopf. Höhnend zunächst, dann staunend über den glatt Gescheitelten, der mal sein Kriegsgesell war und jetzt sein Kaiser sein und ihm die eroberten, erheirateten und ererbten Länder nehmen will.

Das ist klar, in diesem Stück, in dieser Aufführung stehen sich zwei Herrschaftssysteme gegenüber - das alte und das neue: das plumpe, vordergründige, auf Eroberung und schamlose Unterdrückung zielende Schlachtross gegen den eloquenten, ideologischen, mit ruhiger Hand sauber exekutierenden Diplomaten. Martin Kusej hat für die Salzburger Festspiele "König Ottokars Glück und Ende" von Franz Grillparzer (1791-1872) inszeniert. Salzburgs neuer Schauspielchef hat Österreichs Klassiker, hat diesen vertrackten, wunderbaren, alten dramatischen Schinken, diese Haupt- und Staatsaktion und dieses doch auch psychologische Trauerspiel mit großem Erfolg auf die weite Bühne der Perner Insel in Hallein gesetzt. Mit notwendigen kräftigen Strichen, einigen wenigen Textneuerungen, manchem Überflüssigen auch, aber immer mit grandioser Bildfindung und vor allem mit zwei hervorragenden Protagonisten - Tobias Moretti und Michael Maertens - hat er den Fünfakter in die Moderne geholt. Hat ihn aktuell, das heißt spielbar gemacht für unsere Zeit: ein Europa-Drama im besten Sinn. Und dennoch ein herrliches, vor allem bis zur Pause durchweg spannendes Historienspektakel, in dem sich jenes 13. Jahrhundert der Gründung von Habsburgs großem Österreich, Grillparzers Klassizismus und unsere Gegenwart treffen.

Das ist natürlich in erster Linie der Abend von Tobias Moretti. Ein Ottokar, wie man sich ihn besser nicht wünschen kann. Moretti spielt von Anfang an einen in seiner Macht und Gewalt Verunsicherten, Einsamen, Bindungslosen, einen irgendwie auch Bescheidenen, einen Autisten, ein egozentrisches Kind, ein waidwundes Tier. Da kauert er in seinem Thron, und vor ihm liegt das Volk der Eroberten bäuchlings auf dem Boden: Männer und Frauen in Dirndl und Janker. Ein langer, schräger Blick, als würden sie ihn ängstigen. Auch noch, wenn die Masse ihm einen gehäuteten Rehbock auf die Schultern lädt und ihn mit "Heil" als den neuen deutschen Kaiser begrüßt.

Als die Nachricht kommt, nicht ihn, sondern den Habsburger habe man in Mainz zum Kaiser gewählt, will er es nicht glauben, lacht darüber, blickt angstvoll zum alten Kanzler und sitzt schließlich von allen verlassen allein auf seinem Thron. Da stürzt mit gewaltigem Getöse, mit Druck, Wind und Staub bis in die Zuschauerreihen hinein sein ganzes Weltgebäude ein. Die hohe, hintere Bühnenwand kippt nach vorn, auf Ottokar, der durch das geborstene Gemäuer schaut und nur noch einen kennt: nämlich sich, der wieder in den Kampf ziehen wird - gegen Habsburg.

Gewalt und Käuflichkeit

Niederlage folgt auf Niederlage. Über Berge nackter Leichen robbend, lässt er sich überreden, Habsburgs Angebot zu einem Treffen anzunehmen. Aus böser Neugier, aus kindischer Lust am Spiel, das mit der großen Demütigung Ottokars ausgeht: Der Kaiser verleiht ihm die Lehen Böhmen und Mähren. Der Vorhang, hinter dem dies unsichtbar geschehen soll, wird von Zawisch (sehr gut: Nicholas Ofczarek) weggerissen. Da sieht man: In Habsburgs Zelt steht eine Flotte neuer Golfs mit großer Geschenke-Schleife und dem EU-Symbol als Kennzeichen, auf einem der Autos kniet Ottokar mit entblößter Schulter vor ihm. Zawisch, der alerte Ottokar-Gegner und Liebhaber der Königin, der dem Volk die Blamage des knieenden Königs präsentieren wollte, offenbart damit auch die Käuflichkeit des Kaisers. Den Assoziationen der Zuschauer sind keine Grenzen gesetzt. Für Zawisch aber bedeutet das, anders als Grillparzer es für ihn vorgesehen hat, sein sicheres Ende durch Habsburg.

Das aber erst am Schluss des Stücks, wenn der Kaiser fest im Sattel sitzt. Dann reicht er ihm eiskalt die Pistole; dann erschießt er einen letzten Gegner lächelnd selbst; dann lässt er Ottokar nach dessen ergreifendem Monolog der Selbsterkenntnis töten und schließlich nach martialischem "Heil"-Geschrei einen Kinderchor aufmarschieren, der gar lieblich und berauschend von Österreichs Almröslein und dem blühenden Enzian singt. In scheinbarem Gleichmut, mit verhaltener Schärfe gibt der glänzende Michael Maertens hier das ambivalente Charakterbild eines gottgläubigen Gewinners, der sich im Besitz der Gnade wähnt, aalglatt, gefährlich und doch ausgestattet mit einer schönen Dosis schauspielerischen Witzes.

Die Aufführung ist reich an so überraschenden wie gelungenen Massenszenen. Und bemerkenswert in der Besetzung auch manch kleiner Rolle: die großartige Elisabeth Orth als tragische Königin Margarethe oder der wunderbare, kluge Wolfgang Gasser als Ottokar von Horneck, den Grillparzer das durchaus nicht unproblematische Hohelied auf seine Österreicher singen lässt. Martin Zehetgruber schuf für die theatralische Staatsaktion wie für das psychologische Feinspiel einen optimalen Raum. Und die Musik von Bert Wrede, lyrisch bis gewalttätig, rückt das Ganze in Shakespeare'sche Dimensionen. Insgesamt eine Aufführung, die das Kennenlernen lohnt, die einen getrost über kleine Schwächen und manch Unnötiges hinwegsehen lässt.

Bis 22. August, außer 14., 15., 18.8., jeweils 19 Uhr.

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