Grandiose Schatzhäuser

- "Bestimmte Künstler können wir nicht mehr kontinuierlich begleiten, zum Beispiel Sigmar Polke oder Andreas Gursky", erklärte Helmut Friedel beim Symposion "Ist Kunst käuflich? Sammeln für ein Museum des 21. Jahrhunderts" im Münchner Lenbachhaus. Dort ist gerade "Perspektive 07" zu sehen, eine Schau, in der das Museum darlegt, wie es sammelt und was es sich wünscht. Darunter sind neuen Gursky-Fotoarbeiten, die frühe Werke, längst im Besitz der Städtischen Galerie, ergänzen sollen. Da der Kunstmarkt den Gursky in die Höhe gejubelt hat, wird der Ankauf zum fast unmöglichen Kraftakt.

Auf Einladung der Ausstellungskuratorin Susanne Gaens\-heimer diskutierten Friedel und seine Kollegen Gijs van Tuyl (Stedelijk Museum, Amsterdam), Julian Heynen (K\x0f21, Düsseldorf), Udo Kittelmann (Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main) sowie der Journalist Thomas Wagner (FAZ) sowohl über ihre Sorgen, als auch über ihren Stolz auf die Institution Museum. Jeder erkennt hier den verschwenderisch ausgestatteten Kunstkäufer und dort die knausrige öffentliche Hand, hier die Ereignis-Gier der Politiker, des Publikums, der Medien und dort die besonnene, auf Jahrhunderte ausgerichtete Handlungsweise der Museumssammler, hier den Sponsor und dort den Mäzen, hier den wankelmütigen und dort den selbstlosen Leihgeber. Dann gibt es neben dem Galeristen noch den Künstler, der gut mit dem Museum zusammenarbeitet, oder den, der glaubt, allein der Kunstmarkt ist das "Museum" der Zukunft.

Heynen wie auch Wagner wiesen darauf hin, dass der Museumsgedanke gewissermaßen das Gegenmodell ist zum vorherrschenden Denken, alles müsse schnell verwertbar sein. Wechselausstellungen mit großen Namen oder "Hypes" (Beispiel: MoMA-Schau) würden den Stellenwert von Sammlung/\x0fständiger Ausstellung ausbluten. Deswegen seien entscheidend Selbstbewusstsein und Bewusstsein der Öffentlichkeit: Museen sind grandiose Schatzhäuser des Gemeinwesens ­ selbst auf der plumpen Geld-Ebene ­ und sorgen für die Identität einer Gesellschaft, denn sie vermögen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden.

Einig waren sich alle Gesprächsteilnehmer, die Besonderheiten der eigenen Sammlungen besser herausstreichen und ausbauen zu wollen. Ein Sammeln "entlang der Kunstgeschichte" sei ohnehin nicht mehr möglich. Heynen unterstrich vehement, dass die Kunsthäuser bessere Vermittler werden müssten. Feste Regeln wünschte sich keiner; etwa, dass das Museum vom Künstler Werke einfordern darf, wenn es ihm eine große Schau ausrichtet.

Wagner bemerkte zu Recht, dass die Museen noch nie so erfolgreich gewesen waren wie heute. Und in der Tat sind sie unschlagbar, wenn sie die nötige Distance zum Markt, zu Sponsoren und Privatsammlern wahren. Genau die muss ihnen Gesellschaft und Politik nicht nur zugestehen, sondern auch für die Museen verteidigen.

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