Graubündner Bauern im Gebüsch

- "Es ist gut für das Malen und Zeichnen, Figuren zu machen, es gibt der Zeichnung Geschlossenheit, und es ist ein sinnlicher Genuss, wenn Schlag auf Schlag die Figur aus dem Stamm herauswächst. In jedem Stamm steckt eine Figur, man braucht sie nur herauszuschälen."

<P>So schrieb der diplomierte Architekt Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), als Maler und Grafiker 1905 Mitgründer der Dresdner "Brücke"-Gruppe, 1911 an den Hamburger Landgerichtsdirektor und Kunstfreund Gustav Schiefler.<BR><BR>Von den über 140 Skulpturen und kunsthandwerklichen Arbeiten Kirchners ist rund die Hälfte verschollen oder zerstört. Rund 60 Exponate verband die Stuttgarter Staatsgalerie im Ausstellungssaal ihres Stirling-Baus jetzt mit 20 Gemälden sowie mit etwa 50 Zeichnungen, Aquarellen und druckgrafischen Blättern von Kirchners Hand.<BR><BR>In München hatte Kirchner 1903/04 in der Kunstschule Obrist-Debschitz an der Kompositionslehre und am Aktzeichnen teilgenommen; an der Technischen Hochschule besuchte er den Modellierkurs von Anton Hess. In Dresden ließ er sich seit 1907 vom Kollegen Erich Heckel zum Schnitzen von Holzfiguren anregen. Vater Kirchner, der Chemnitzer Papierprofessor, hatte den Pennäler mit diversen Holzarten vertraut gemacht und ihm Druckstöcke besorgt.<BR><BR>Als Bildhauer verschmähte Kirchner das Modellieren in Ton oder Gips. Er bevorzugte das unmittelbare Arbeiten in Hölzern seiner Wahl. "Instinktiv, nicht doktrinär" wollte er zu Werke gehen, um "neben der Freiheit der Zeichnung den zwingenden Rhythmus der im Block geschlossenen Form" zu erleben.<BR><BR>Der lebensreformerisch neue, freie Mensch sollte der ursprüngliche sein. Aus den afrikanischen und ozeanischen, figürlichen und ornamentalen Schnitzereien in den Völkerkundemuseen von Dresden und Berlin, aus dem Palauischen Männerklubhaus am Zwinger, aus den afrikanischen Dörfern der "Völkerwiese" im Dresdener Zoo mit ihren Vorführungen und handwerklichen Arbeiten, im Zirkus und beim Bühnentanz gewann Kirchner seine Vorstellungen für Leben und Werk, fürs Bildnerische und für die eigene, möglichst exotisch mit Schnitzwerk ausgestattete Behausung, in der er ein dunkelhäutiges Artistenpaar aus dem Zirkus Schumann fürs Foto und den Zeichenblock nackt posieren ließ, den tanzenden Hugo Biallowons und später bei Davos die von ihm in Zürich entdecke Tänzerin Nina Hard. </P><P>Die Graubündner Bauern schlichen äugend ins Gebüsch, wenn Kirchner mit seinen Aktmodellen zum Tanzen und Zeichnen in den Wald ging.<BR><BR>Erna, Kirchners Gefährtin seit 1911, war - wie Heckels Sidi - Nachtlokaltänzerin, als sie zur Geliebten und zum Modell des Künstlers wurde, zusammen mit ihrer früh gestorbenen Schwester Gerda. Von Dodo, die noch am Südsee-Tandaradei bei den Moritzburger Teichen hatte teilnehmen können, trennte sich Kirchner, als er 1911 nach Berlin umzog.<BR><BR>Sie alle sind in Stuttgart nun rundherum zu bewundern, vielfach freistehend, in tänzerischer Pose kokett (Gerda) oder scheu verschämt (Erna), im zärtlichen Beieinander als Freundinnen, als Porträt oder als Gesichtsmaske wie aus Kamerun, aber mit Hut und 1913 aus einer Wassereiche geschnitzt, im Relief der tanzende Kirchner zwischen den beiden in unterschiedlicher Weise verführerischen Schwestern, auch mal eine Liegende wie bei Matisse, ruppig und rau oder geglättet, wie eine Sitzende mit untergeschlagenen Beinen schon 1912 und endgültig in nobler Ruhe 1932.<BR><BR>Für Erna schnitzte Kirchner 1919 ein polynesisches Bett. Figürlich bestückte Spiegel, Häuptlingssitze, Bänke, Stühle, Tische und Pfosten verwandelten seit der Übersiedlung nach Davos (1917) die gemieteten alten Hütten und Bauernhäuser am Hang und beim Wald in Stätten einer eigenschöpferischen Archaik. </P><P>Sie verband sich mit Kirchners Annäherungen an die Bewohner dieser Bergwelt.<BR>Begrüßt werden die Besucher von zwei lebensgroßen, 1921 für den Eingang zum Haus "In den Lärchen" geschnitzten Wächterfiguren: von einem virilen "Adam" und einer in sich gekehrten "Eva". So wie es am Anfang war, jetzt und immerdar, so sollte es bleiben.</P><P>Bis 27. Juni, täglich außer montags 10-18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. <BR>Katalog: 16, 90 Euro, Verlag Hatje-Cantz. <BR>Wolfgang Henzes Werkverzeichnis aller auch verschollenen Skulpturen gibt es zum Vorzugspreis von 42 Euro, später für 100 Euro. Telefon: 0711/ 470 40-0 oder -249.)</P>

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