Graue Eminenz auf dem Grünen Hügel

Bayreuth - Sie war die Frau im Hintergrund. Nur bei den Eröffnungen der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele, jedes Jahr im Sommer, trat Gudrun Wagner mit ihrem Mann Wolfgang Wagner, später auch mit ihrer Tochter Katharina vor die Kameras. Das ist unser Bild von ihr: die Frau an seiner Seite.

Aber schon seit langem war klar, dass sie einen gewaltigen Anteil hatte an der Leitung der Festspiele, deren Intendant Wolfgang (88) ist. Gudrun Wagner ist gestern am Vormittag völlig unerwartet im Klinikum Bayreuth - sie war zu einem kleinen Eingriff dort - im Alter von 63 Jahren gestorben. Die Todesursache ist noch unklar.

Gudrun Armann wurde am 15. Juni 1944 im ostpreußischen Allenstein geboren. Ihre Mutter flüchtete mit ihr in die Nähe von Regensburg. Nach der Schule ließ sich Gudrun als Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden. Sie lernte in Regensburg, Paris, Birmingham und London. Durch eine Zeitungsannonce kam sie zu den Bayreuther Festspielen. 1965 fing sie im Pressebüro an. Fünf Jahre später heiratete sie Dietrich Mack (auch Festspiel-Verwaltung). Ab 1975 arbeitete sie in Wolfgang Wagners Büro - und die beiden verliebten sich ineinander. Wolfgang trennte sich schließlich von seiner Frau Ellen. Die Beziehung zu seinen Kindern Eva Wagner-Pasquier und Gottfried Wagner ist bis heute völlig zerrüttet. Auch Gudrun trennte sich von ihrem Mann. 1976 heiratete das neue Paar, 1978 wurde Tochter Katharina geboren.

Gudrun Wagner wurde im Laufe der Jahrzehnte zur Grauen Eminenz, die die Maschinerie der Wagner-Festspiele an maßgebender Stelle mitsteuerte. Deswegen gehen Anekdoten wie diese um: Sie habe einen Anrufer, der nach Wolfgang verlangte, beschieden - "Ich bin mein Mann." Zuletzt war sie die eigentliche Geschäftsführerin der Festspiele, wie nicht nur "Ring"-Regisseur Jürgen Flimm (jetzt Salzburg) im Hinblick auf Wolfgang Wagners Gesundheitszustand feststellte. Ohnehin wurde Gudrun, die viele fürchteten, immer nur "die Chefin" genannt. Obwohl sie öffentlich betonte: "Ich arbeite eine Ebene unter meinem Mann, im Zweifelsfall entscheidet er." Und Wolfgang Wagner schrieb in seinem Buch "Lebensakte" (Verlag Albrecht Knaus): ". . . so ist meine Frau in keiner Weise ,Cosima III. . . . Genießt sie inner- und außerhalb der Festspiele Achtung und Autorität, so verdankt sie diese in allererster Linie ihrer langjährigen und sehr harten Arbeit in Bayreuth, nicht aber irgendeiner Attitüde."

Kein Wunder, dass der Richard-Wagner-Enkel versuchte, Gudrun als seine Nachfolgerin zu installieren. 2001 scheiterte der Plan. Der Stiftungsrat, der über die Besetzung des Chefpostens entscheidet, zog Eva Wagner-Pasquier vor. Daraufhin behielt Wagner sein Amt bis heute - er ist auf Lebenszeit gewählt. Gudrun und er förderten in den vergangenen Jahren ihre Tochter, um sie auf den Wagner-Thron zu hieven. Katharina, die im Sommer mit ihrer Regie der "Meistersinger" auf dem Grünen Hügel debütierte, hat sich gerade dem Stiftungsrat zusammen mit Dirigent Christian Thielemann und Musikmanager Peter Ruzicka angedient. Aus dem Kunstministerium verlautet, dass der Stiftungsrat so schnell, wie es die Pietät erlaubt, zusammentreten soll. Denn mit dem Tod von Gudrun Wagner ist die Leitung der hoch angesehenen und überaus begehrten Wagner-Festspiele fast zur Gänze ausgefallen.

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