Grauen und Knuddel-Sex

- Ein deutscher Gebrauchsgrafiker in Paris. Und ausgerechnet der wird unter den französischen Surrealisten das, was man heute einen Knaller nennen würde. Natürlich konnte Hans Bellmer virtuos zeichnen, konnte sich mit dem Bleistift in geheimnisvolle Welten hineinwühlen.

Aber sein "Gefahrenpotenzial" lag woanders. Es war seine erste "Puppe", die ihm Hochachtung verschaffte bei Paul É´luard und Max Ernst, Hans Arp und Salvador Dalí, bei Yves Tanguy und Georges Hugnet.

Die Staatliche Graphische Sammlung, München, hatte schon lange vor, dem "Zeichner von Weltruhm" - so deren Chef Michael Semff - eine Ausstellung zu widmen. Da ergab sich der Glücksfall einer Zusammenarbeit mit dem Pariser Centre Pompidou. Das hatte eine umfassende Schau zum uvre des Deutschen konzipiert, der 1938 vor den Nazis nach Frankreich geflohen war, dort 1939 als "feindlicher Staatsangehöriger" interniert wurde und 1975 in Paris starb. Diese große Retrospektive, die erste in Deutschland nach fast 40 Jahren, ist nun in der Pinakothek der Moderne (PDM) zu erleben: "Hans Bellmer - Ingenieur des Eros".

"Das Auge: die Null des Sehens und Fühlens."

Hans Bellmer

Der Besucher dringt ein in ein Labyrinth aus blau schattierten Kabinetten. Grob lässt sich ausmachen: hier frühe Zeichnungen in neusachlicher Manier - George Grosz hatte den Grafiker und Illustrator, der 1902 in Kattowitz geboren worden war, in Berlin ermutigt. Dort späte Arbeiten, auf denen spinnwebfeine Linien sich zu sexuellen Fantasien der eher plumpen Art verdichten. Dazwischen aber entsteht vor unseren Augen eine Künstlerpersönlichkeit, die nicht nur damals eine enorme Ausstrahlung hatte, sondern die auch heute noch nachwirkt.

Marionetten, Automaten und Puppen faszinierten immer mal wieder die Menschen. Heute sind es "Terminator" und Kollegen. Bei den Puppen kommt hinzu, dass sie einer herzig-harmlosen Kinderwelt zugeordnet werden. Bellmer kannte solch künstliche Wesen von Hannah Höch, Sophie Tauber-Arp und Lotte Pritzel, außerdem den singenden, Männer verlockenden Roboter Olympia in "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach durch eine Max-Reinhardt-Inszenierung. 1933 durchbrach dann der Zeichner und Grafiker alle Gattungsgrenzen und schuf eine etwa 140 Zentimeter große Gestalt.

Nicht wie ein Bildhauer ging er vor; er baute eine Puppe aus Holz- und Metallstäben, überzogen von einer Wergschicht, die mit Leim gehärtet wurde. Die Beine waren durch Kugelgelenke beweglich.

Diese Figur war nicht an sich von Bedeutung, sondern als Requisit für zahllose Inszenierungen, die dann fotografiert wurden. Manchmal taucht deren "Schöpfer" schemenhaft darin auf. Diese Aufnahmen wurden veröffentlicht und machten Furore. Damit ist Bellmer der Vorläufer der bühnen- oder filmartig arrangierenden Fotokünstler unserer Tage (etwa Cindy Sherman). Zugleich hat er den optischen Schrecken so mancher Psychothriller aufs Raffinierteste vorweggenommen. Gerade auch wenn er seine Fotos sublim kolorierte.

Hans Bellmer montierte Gewalt und Sexualität, wie er seine Puppen aus zusammensteckbaren und austauschbaren Gliedmaßen, Brüsten, Bäuchen mit Nabel und Schamlippen sowie aus vielen Kugelgelenken konstruierte. In der Präsentation in der PDM ist diese Vorgehensweise in allen Varianten zu verfolgen: mit den verschiedenen Puppen, einem Gemälde, den Fotografien und vielen, vielen Zeichnungen. Gerade bei Letzteren sieht man bisweilen, wie er Dalí´s Vokabular nach Verwertbarem abtastet, während er in Gouachen Max Ernsts abgründig wuchernde Dschungel ausprobiert. Mit dieser Technik des Einkreisens kommt Bellmer dann zu seinem Grauen. Das hält er meist in der Schwebe: zwischen Geisterbahn-Gräuel und echtem Entsetzen; Knuddel-Sex bei Babyspeck-Rundungen und Folter; Lolita-Verführung und Vergewaltigung.

Stets ist es das Auge des Betrachters - für Bellmer "ein Kugelgelenk: die Null des Sehens und Fühlens" -, das den Horror im eigenen Gehirn erst auslöst. Auf diese Weise montiert der Künstler auch noch Publikum und Kunstwerk zu einer Mega-Puppe - durch das Auge, den "Karfunkelstein der kollektiven Ausdehnung und des von innen wütenden Orkans".

Bis 27.8., Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalog, Hatje Cantz: 39,80 Euro.

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