Grausamer Verrat

- Was muss Tony Blair tun, wenn er einen Anruf von George Bush erwartet, aber nicht rangehen will? Einfach einen Vergessenszauber bei seinem magischen Amtskollegen Cornelius Fudge beantragen, dann weiß Bush gar nicht mehr, dass er anrufen wollte. Das Zusammentreffen zwischen Fudge und dem Premierminister ist eine der wenigen witzigen Stellen im sechsten Potter-Band "Harry Potter and the Half-Blood Prince". Nein, es gibt diesmal nicht viel zu lachen. Der Dunkle Lord ist dabei zu gewinnen.

Es beginnt mit einem abgrundtiefen Verrat und geht schlimm weiter. Nur ein Lichtblick: Harry küsst Rons Schwester Ginny - vor 50 Leuten. Das ist aber auch schon das Schönste, was in diesem Schuljahr passiert. Potter-Freunde müssen sehr stark sein: Der Mord am Schluss - wen es trifft, sei hier nicht verraten - ist der Höhepunkt des Buches. Rowling überrascht uns: Das Opfer kämpft hartnäckig, redet, schmeichelt, taktiert, erreicht fast sein Ziel, um dann doch alle Hoffnung zu verlieren - spannende Erzählkunst. Insgesamt aber ist "Harry Potter and the Half-Blood Prince" schwächer als die vorigen Teile. Erstmals kann man von diesem Buch nicht mehr sagen, dass es in sich abgeschlossen ist. Es ist eine Vorbereitung auf den siebten und letzten Band - voller Rückblicke. Der Held, noch einmal ganz kämpferisch-draufgängerisch, bleibt seltsam blass.Schon Sigmund Freud hat darüber geschrieben, dass sich Kinder oft ausmalen, mächtige Märchenhelden zu sein. Mit Harry aus der englischen Reihenhaussiedlung ist es nicht anders. Im nächsten Roman muss er die Welt retten. Die wirklich interessante Frage ist, ob er danach als gereifte Persönlichkeit in die Muggelwelt der Realität zurückkehren wird.Christoph Driessen

Joanne K. Rowling: "Harry Potter and the Half-Blood". Prince Verlag Bloomsbury, London, 672 Seiten; keine Preisbindung.

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