Der Tod und die Grazie

Georg Petel im Haus der Kunst: - Das feine elfenbeinerne Muskelspiel ist gewaltig. Den Oberkörper weit vorgelehnt hängt dieser Jesus am Kreuz, als wolle er sich mit letzter Kraft losreißen. Und nicht nur die gewölbte Brust reckt dies frühbarocke Prunkstück seinem Betrachter entgegen, sondern vor allem einen eigenartig tief gehaltenen Kopf, den Mund weit mehr in Klage als in Schmerz geöffnet und nur die Augen ekstatisch gen Himmel gekehrt.

Vor allen Dingen ist es dieses, erst vor wenigen Jahren im Karmeliterinnen-Kloster von Pontoise entdeckte Kruzifixus von 1621, das seinen Schöpfer Georg Petel als einen hervorstechenden Elfenbeinschnitzer auszeichnet. Aber auch als einen Menschen von starker persönlicher Bindung an seinen Glauben.

Die letzte Münchner Ausstellung des Oeuvres Georg Petels ist 43 Jahre her und fand damals im Bayerischen Nationalmuseum statt. Heute ist der museale Raum, der sich Petels vornehmlich sakraler Kunst zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges widmet, eher ungewöhnlich: Das Münchner Haus der Kunst bemüht sich um Lokalhistorie und bindet Petel in sein Sommerthema "Kunst und Religion". Ob und wie allerdings Christoph Schlingensiefs Abendmahl-Installation und das britische Duo Gilbert & George mit seinen lebenden Skulpturen an die ruhige Größe der Ausstellung anknüpfen können, das bleibt noch bloße Idee.

Vorerst verblüffen hier allein die 25 wertvollen Leihgaben, von Kurator León Krempel sensibel feierlich in Szene gesetzt. Drei Säle, drei Themen, drei vollendet verarbeitete Materialien: "Tod und Erlösung" zeigt religiöse und weltliche Kleinplastik, "Glaube und Macht" öffentliche Bronzen, "Kult und Andacht" Holzskulpturen für den Kirchenraum.

Georg Petel wird 1601/02 im oberbayerischen Weilheim geboren; sein erster Lehrmeister ist der Weilheimer Bildschnitzer Bartholomäus Steinle. Anschließend lernt er beim Münchner Hofkünstler Christoph Angermair die Elfenbeinschnitzkunst. In Antwerpen macht der nun bereits hochangesehene Künstler 1620/21 die Bekanntschaft von Peter Paul Rubens, den er noch häufiger besuchen wird. Seine Reisen über Paris und Rom führen ihn nach Genua, wo er sich niederlässt. 1625 zieht es Petel wieder nach Deutschland zurück, nach Augsburg, von wo aus er für verschiedene Fürstenhäuser arbeitet.

Vor allem entstehen in diesen Jahren monumentale Holzplastiken, dazu erstmals auch Arbeiten in Bronze. Als Geschenk an Gustav II. Adolf, zur Übergabe der Stadt Augsburg, entwirft Petel im April 1632 eine edel verzierte, antikisierend starre Bronzebüste des Schwedenkönigs. Stark, doch etwas kriegswelk wirkt dagegen der bronzene Neptun aus der Münchner Residenz.

Die ungemeine sehnige, anatomische Kraft bleibt die augenfälligste Eigenschaft seiner christlichen Darstellungen - etwa in seinem Talent, aus einem einzigen Stück des gebogenen, harten Elfenbeins einen Jansenistischen Christus mit empor gestreckten Armen zu befreien ­, was ihm zurecht den Beinamen "der deutsche Michelangelo" einbrachte.

Vermutlich 1634 stirbt Georg Petel 33-jährig als eines der vielen Augsburger Pest-Opfer. Nimmt man Petel jedoch bei seiner eigenen wunderbaren Statuette aus Lindenholz, dann ist auch der Tod nicht mehr als ein kleines, zartes "Stehendes Tödlein", das mit fast tänzerischer Grazie Pfeil und Bogen hält.

Bis 19. August,

Mo.-So. 10-20 Uhr, Do. 10-22 Uhr. Die umfassende Monografie kostet 24,90 Euro.

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