Greenspans Aktentasche

- Vom Klassiker Merce Cunningham jetzt zu den Avantgardisten der 80er-Jahre Edouard Lock und VA Wölfl - Münchens Dance Biennale ist "high speed" angelaufen. Der franco-kanadische Lalala-Chef Lock und Wölfl mit Neuer Tanz Düsseldorf, waren - auf Cunninghams Spuren, aber mit noch anderen Komplexitäten - die neuen Wahrnehmungs-Fanatiker. Und sind 2002 in ihrem faszinierendem "Sinne-Coaching" eher noch unerbittlicher. Lock und Wölfl, das ist wie Sternenflug durch wirbelnde Universen von Impressionen.

<P></P><P>Beide an extrem verschiedenen Polen: Wölfl, der bildende Künstler, im Spiralnebel der Lichtfarben, Bilder, Klänge. Lock, der rasend überhitzte Beweger, auf einer intergalaktischen Schnellstraße, beschallt vom Trance-Sog einer Live-Minimalmusik (Piano, Cello, Violine, allzu schneidend verstärkt). Die Wände des Prinzregententheaters scheinen sich zu drehen, wenn in Locks "Amelia" die Tänzer immer wieder aus dem Dunkel in die schnell projizierten kreisrunden Scheinwerferspots treten, dann in hochgradig reduzierten, dafür hyperakzelerierten Pas-de-deux-Verkehr treten.</P><P>Während die dunklen Anzug-Herren ihre Partnerinnen in halbtransparenten schwarzen Dessous-Trikots auf stählernem Spitzenschuh mit dem bekannten "Fördergriff" in der Taille mehrfach rechts-links oder ganz herum-pirouetten, häkeln diese mit schlankem Fuß hundert zitternd kleine Luftmaschen um ihr Spielbein. Diese fünf befremdlich beweglichen Barbie-Kunstfrauen erscheinen in Abständen als traumschwebende Lara-Croft-Ballerinen auf einem herabfahrenden (Video-)Spiegel. Unsere ohnehin im schwindelerregenden Tempo, in der Flut der Schritte verlorenen Sinne so nochmals verwirrt durch digitale Wucherungen.</P><P>Und hier das kleine (Theater-)Wunder: trotz gezielter Kunsthaftigkeit, trotz Überzüchtung der Bewegung: Diese unentwegt aus den Schultern, aus Armen und Handgelenken wild-nervös herausgeflatterten Gesten verdichten sich zu einer, wenn auch überspitzt abstrahierten, dennoch deutbaren Beziehungssprache. Und die Lalala-Tänzer haben trotz ihrer Kunstfiguren-Rollen persönlichen Stil, Charisma. Sie lassen sich nicht, wie generell im modernen und zeitgenössischen Tanz, von der Bewegungsaufgabe verschlucken. Nebensache, dass Lock noch straffen muss. Er hat sein klassisches Vokabular entwickelt, Strukturen verfeinert, mit "Amelia" auch schon einen Blick geworfen in eine zukünftige digital beherrschte Welt. Und damit schlichtweg fast zwei Stunden in Atem gehalten.</P><P>VA Wölfl provoziert die Sinne, Lock entgegengesetzt, mit Zeitlupenlangsamkeit der Bewegung, mit lautlosem Stillstand. Mit Bildern, die sich in minimalen Variationen in die Zeit hineindehnen wollen. Wie gleich das erste, wo zwei glitzerig attraktive hochhackige Revue-Damen an elektronischen Klavieren spielen und immer wieder die gleiche Tonfolge ansingen. "Keine Gewöhnung" ist Wölfls oberste Maxime. Nichts soll vorhersagbar sein: Der lustvoll angesetzte Party-Funk einer Solo-Dame friert ein, der Flamenco-Gesang des Spaniers in der ersten Parkett-Reihe bricht nach drei kehligen Phrasen ab. Und immer wieder legt sich über die Tänzer Wölfls so schöne Dunkelheit, dann, wenn wir noch deren uhrwerkspräzises Raum-Durchschreiten genießen möchten.</P><P>Denn mit diesen gedämpft militärischen Gängen einzeln oder zu mehreren, mit seinen versprengten kleinen Personen-Gruppierungen, seinen Kombinationen von skulpturalen Posen auf diesem Bühnenfleck, mit einem skurril kräuseligen Gesten-Minimalismus schräg gegenüber - mit all dem erst macht Wölfl seinen weißen Einheitsraum, vielmehr alle seine darin ständig neu entstehenden Räume, sichtbar. Traumgehäuse in schwebendem Rot, in ungekanntem Grau, dann gleißend grell oder besänftigt abendlicher Raum, in den zwei Neon-Röhren-Trägerinnen ein wanderndes hell-lichtes Kreuz einschreiben. So viele Arten, den Raum in seinen Dimensionen und Geheimnissen neu zu erschließen. Auch durch hereinbrausenden Orgelklang jetzt, sonore amerikanische Filmstimmen dann oder ein Hubschraubergetöse. Wölfls Mittel sind die gleichen geblieben - von unverminderter Aussagekraft. Sein Titel: "Greenspans Aktentasche". Auch der: typisch Wölfl. <BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare