Greifbare Klänge

- Nationalen Orchesterklang, gibt es den? In seinem reinen Tschaikowsky-Abend in der Münchner Philharmonie jedenfalls hat das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg eine Klangpracht produziert, von der man sich gut vorstellen kann, sie sei "typisch russisch" im besten Sinne: hier feiner, satt romantischer, hochkultivierter Orchestersound, dort eine expressive Rauheit, dunkel dräuende Farben, eine emotionale Alarmiertheit immer am Rande der Katastrophe. Ideal also für Tschaikowsky, dessen seelisch-musikalische Ausnahmezustände immer wieder als sentimental abgetan werden - wahrscheinlich, weil man sich nur so vor ihrer Verletzungskraft sicher glaubt.

<P>Doch Valery Gergiev, der düstere Ekstatiker am Dirigentenpult, dachte nicht daran, irgendjemand irgendetwas zu ersparen. Schon in der Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" rückten einem die Klänge mit einer Dinglichkeit zu Leibe, die man fast anfassen zu können glaubte: der transparente und doch so kummervolle Holzbläser-Choral, die schmerzlichen Sekundvorhalte, der schwarz schnarrende Schicksals-Schlussakkord. In Tschaikowskys vierter Symphonie f-moll eine weitere Steigerung des Bedrohlichen. Aggressiv-imposantes Blech in den Ecksätzen neben geheimnisvollem Pizzicato-Gehusche im Scherzo und lichter Holzbläser-Melancholie im langsamen Satz. </P><P>Das leichtgewichtige, parfümierteste Werk des Abends in der Mitte: Arabella Steinbacher spielte das Violinkonzert D-Dur mit stupender Technik und lyrischer Finesse. Dass die junge Geigerin auch über raumfüllende Klangkraft verfügt, ging angesichts des überbordenden Orchester-Temperaments im Konzert ein wenig unter. Zwei fulminante Zugaben von Ysayë und Kreisler bewiesen es am Ende.<BR> </P>

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