Im grellen Licht

- "Herrschaftliche Villa mit geräumigem Souterrain" hieße das wohl in der Immobilienanzeige. Denn ob Graf oder Diener, alle müssen sie treppab, um dort Wichtiges zu verhandeln, Liebschaften zu verhindern oder neuen nachzujagen. In einen lichten, spärlich möblierten Holzverschlag, der statt komödientypischem Tür-auf-Tür-zu immer wieder hektische Auf- und Abgänge ermöglicht und Fragen provoziert: Wie's bei Almavivas wohl in den oberen Etagen ausschaut? Oder: Was haben die Blaublüter eigentlich im Keller zu suchen?

<P class=MsoNormal>Peer Boysens drehbare Multifunktionsbühne für "Le nozze di Figaro" gibt also ein paar Rätsel auf. Am Tiroler Landestheater in Innsbruck ist der Münchner Regisseur derzeit für Mozart gebucht. Nach einer exzellenten "La clemenza di Tito" und vor "Don Giovanni" in der nächsten Saison nun also der "Figaro", der in dieser Realisierung eine Ahnung davon gibt, wie schwer es eigentlich ist, Mozart zu inszenieren, das rechte Maß in einem Kosmos an kaum verhohlenen Emotionen und scheuen Andeutungen zu finden. </P><P class=MsoNormal>Tendenz zur Vergröberung </P><P class=MsoNormal>Boysen ist, das hat seine Münchner Wiederbelebung von Ferrandinis "Catone in Utica" gezeigt, ein kreativer Barock-Experte. Bei Mozart/ da Ponte passt dieses Regie-Werkzeug indes weniger. Eine ungesunde Tendenz zur Vergröberung, zur überdrehten Komik durchzieht diesen "Figaro". Das mag partiell schon belustigen, jedoch nur selten berühren. In stetem Aufruhr befinden sich diese Figuren, bleiben jedoch zweidimensionale Typen, wo tiefenscharfe Charaktere gefragt wären, was auch irgendwann von der Musik konterkariert wird: Gefühle und Beweggründe zerrt Mozart eben nicht ins grelle Licht, sondern belässt alles in einem pikanten Zwischenreich. </P><P class=MsoNormal>Gleichwohl bietet Boysen reizvolle Akzentuierungen. Denn fast nie ist man in diesem "Figaro" allein, wird in den Solo-Nummern von "Widersachern" beobachtet oder unerkannt umschlichen. Und die Begegnung Gräfin/Cherubino gerät sogar zur hitzigen Liebesszene, in der Frau Almaviva lüstern dem Pagen zu Füßen sinkt. Doch gilt auch hier: Eine Andeutung hätte genügt, so breit getreten, bekommt der Einfall eine gewisse Penetranz. Erst im vierten Akt gelingt Boysen ein irreales Traum- und Endspiel, dass die Gartenszenen in eine geheimnisvolle, adäquate Atmosphäre übersetzt. </P><P class=MsoNormal>Der szenische Überdruck schlug sich anfangs in der Musik nieder, das sonst so hochklassige Ensemble von Intendantin Brigitte Fassbaender musste erst zu Kontrolle und Ausgeglichenheit finden. Uneben, unsauber klangen die meisten Auftrittsarien, wobei wohl auch die Premierenaufregung Streiche spielte. Herausragend und rollendeckend: Gérard Kim (Almaviva), erster Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs, dem vom Zärteln und feinen Nuancieren bis zum virilen Auftrumpfen alle Stilmittel zur Verfügung standen. Durch den exzellenten Christian Zenker erfuhr der Basilio eine überraschende Aufwertung. Fast gegen den Strich besetzt waren Susanna und Gräfin: Katerina Beranova sang Letztere mit instrumentalem Barocksopran, neigte indes zu verengter Tongebung. Und Christine Buffle gab eine herbe, offensive, großstimmige Susanna, die ahnen ließ: Nach der Trauung hat der Titelheld nichts mehr zu melden.</P><P class=MsoNormal>Sé´bastien Soules, ein agiler, lockerer Figaro, bildete das passende Sympathiezentrum der Aufführung, gewann mit der Zeit auch an vokalem Nachdruck. Und Dirigent Sascha Goetzel demonstrierte mit dem Tiroler Symphonieorchester, auf welch hohem Niveau sich die Innsbrucker Mozart-Pflege bewegt. Nach vorübergehender Überambition ließ Goetzel in den Arien zaubern und Kantilenen blühen. Sanft pulsierendes Melos verband sich mit einem sprühenden, drängenden Gestus. Eine Deutung, die Mozarts Vielschichtigkeit - im Gegensatz zum Bühnengeschehen - erfasste: Jubel für Sänger und Dirigent, Boysen musste Buhs einstecken. Was ja nur Ansporn für seinen "Don Giovanni" sein kann.</P>

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