Grenzen niederreißen

- "NEU" prangt es in Violett auf dem Plakat vor gelb explodierendem Hintergrund. Und auf den drei Buchstaben sitzt Ulf Schirmer, locker, mit Lederjacke. Was wie eine Film- oder Waschmittelwerbung aussieht, entpuppt sich als frecher Hinweis auf Schirmers Amtsantritt. Der Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters beginnt seine Ära am Sonntag mit einer konzertanten Aufführung von Lehárs "Land des Lächelns" (Philharmonie, 19 Uhr). Schirmer stammt aus der Nähe von Bremen, dirigiert regelmäßig an der Wiener Staatsoper, in Paris, Berlin und Bregenz - und gilt als Mann für besondere Fälle.

Ist "Land des Lächelns" zum Amtsantritt als programmatische Aussage zu verstehen?

Ulf Schirmer: Ich will nicht gleich das Genre wechseln. Aber ich will Grenzen niederreißen. Das hat auch mit der Positionierung des Orchesters zu tun. Lehár wollte ich außerdem für mich entdecken. Wenn man ihn ernst nimmt und nicht Operettenschmäh unterstellt, geht einem die Handlung ganz nah und bedrückt einen fast.

Was hat das große "NEU" auf Ihren Plakaten überhaupt zu bedeuten?

Schirmer: Dass es eine neue Werbung gibt, war meine Bitte. Eine große Offenheit sollte sich dadurch ausdrücken. Ich lese das Plakat für mich wie eine Selbstentdeckung. Weil ich aus diesem "Oper hier, Oper da, Neunte Bruckner dort" nun ausscheren kann. Es ist auch für mein Leben ein Neuanfang. Wer weiß, wohin das führt? (lacht.)

Manche Musiker, die das Orchester im Zuge der Schließungsdebatte verlassen hatten, kehren wieder zurück. Wie ist die Stimmung?

Schirmer: Das Orchester ist gut gelaunt. Als ich für den Posten angefragt wurde, hatte ich nicht den Eindruck, das wird ein Himmelfahrtskommando, weil man sich bereits zum Erhalt des Ensembles durchgerungen hatte. Anfangs war ich ein bisschen vernagelt: 54 Musiker, wie soll man da Richard Strauss spielen? Bis ich darauf kam, Programm und Inhalte aus dieser Besetzungsgröße heraus zu entwickeln, was sehr spannend sein kann.

Fühlen Sie sich auch freier, weil Sie keine fest gefügte Programmatik bedienen müssen?

Schirmer: Genau. Der Manager eines großen Orchesters sagte mir neulich: "Machen wir Zweite Brahms oder Fünfte Mahler? Ich muss einfach die Säle voll bekommen." Nun spiele auch ich fürs Publikum. Aber angesichts großer Veränderungen weltweit tun manche Kulturschaffende, als finde das alles für sie nicht statt. Früher konnte man das Publikum dauerhaft binden, jetzt wird es immer spontaner, individueller.

Also mehr auf die Leute zugehen.

Schirmer: Unbedingt. Ich hätte mir früher niemals vorstellen können, etwa mit dem Publikum so viel zu sprechen. Diese Offenheit kostet Kraft, und man macht sich auch verletzlich. Jetzt übe ich das hier richtig. Wir Künstler sind ja vor 30 Jahren zu Autisten erzogen worden.

Ihr Kollege bei den Münchner Philharmonikern beharrt auf der Tradition und sagt: "Ouvertüre, Solo-Konzert, Symphonie -so was gibt’s doch nur noch bei mir."

Schirmer: Das kann ja alles sein. Nur wenn ich selbst für mich eine programmatische Linie entdecke, muss ich mich hüten davor, diesen Aspekt zu verabsolutieren. Viele Leute wollen gewiss nur in bestimmte Konzerte gehen. Es gibt in der Germanistik dieses schöne Wort vom Liturgie-Transfer. Seit Wagner ist es amtlich, dass vieles in der Musik Religionsersatz ist. Die Menschen suchen Halt. Und wenn etwas Halt gibt und die Leute sich wohlfühlen dabei, dann muss man es ihnen auch lassen. Ich habe nur ein Problem mit unserem Konzertleben, weil ich meine eigenen Kinder nicht in die Säle kriege. "Langweilig, muss das sein, schon wieder Beethoven", bekomme ich da zu hören. Bei besonderen Dingen sieht’s dagegen schon wieder anders aus. Wir Künstler sollten da ein offenes Ohr haben, sonst sind wir am Ende allein.

Fast jedes Orchester, Theater oder Opernhaus betreibt inzwischen Jugendarbeit. Manchmal wirkt das allerdings etwas panisch, weil man jahrzehntelang etwas verschlafen hat.

Schirmer: Stimmt. Man kann so was ja nicht aus dem Ärmel schütteln. Bei manchen Orchestern habe ich das unangenehme Gefühl, dass sie sagen: "Wir bringen euch die Kultur. Aber ihr müsst erst die Sprache lernen, die wir sprechen." Wie früher bei den lateinischen Messen. Oder beim Regietheater: "Ich bin der Regisseur, das Genie, und ihr müsst mit offenem Mund staunen und mir folgen." Das alles halte ich für ziemlich einseitig. Man muss doch miteinander reden.

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