Grenzen der Normalität

- Der eine ist zart, weich, gehemmt, der andere hart, forsch, penetrant. Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: der Fresser und der, der gefressen werden will. Mit Fingerspitzengefühl, sachlich und respektvoll haben Regisseur und Autor Sascha Schmidt ("Hannelore Kohl - Ein Leben im Schatten") und Schauspieler Michael Gabel die Geschichte des "Kannibalen von Rotenburg" auf die Bühne gebracht.

Der US-Horrorfilm "Rohtenburg", der die Geschichte des Armin Meiwes' nacherzählt, durfte im März nicht in die deutschen Kinos kommen, weil Meiwes seine Persönlichkeitsrechte darin verletzt sah. Einer Dokumentation, die noch in diesem Jahr gedreht werden soll, stimmte Meiwes zu, angeblich, ohne Geld für seine Rechte daran zu verlangen. Ihm liege an einer objektiven Darstellung, heißt es.

Darf man aber eine solche Geschichte zu Unterhaltungszwecken ausschlachten? Und will sie dann auch jemand sehen? Weil hier nicht Sensationsgier oder obszöne Zurschaustellung im Mittelpunkt stehen, sondern eine Liebesgeschichte, der ernsthafte Wunsch, sie verstehen zu wollen, ist dieses Stück sehr zu empfehlen. Das Teamtheater Tankstelle war mutig genug, es nach München einzuladen.

Der Titel ". . . und unseren kranken Nachbarn auch", ein Zitat aus Matthias Claudius' Abendlied, lockt auf die richtige Fährte: Es handelt sich um eine poetische Recherche von Gefühlen.

Virtuos spielt Michael Gabel die Doppelrolle. Die Zärtlichkeit des Kannibalen, wenn er sich linkisch mit seinem verblutenden Opfer über Zahnarztbesuche unterhält. Auf einem Video, das nur Kopf und nackte Schultern zeigt, spielt Gabel den Berliner Jürgen Brandes. Später Rollenwechsel: Im engen Radtrikot trifft der muskulöse Brandes bei seinem Schlächter ein, will nichts wissen von romantischem Einswerden. Auf dem Video stellt Gabel nun den unsicheren Meiwes dar. Zwei Positionen: Der eine sucht die totale Verschmelzung, der andere die totale Auslöschung. Und eine dezent komische Diashow über einen Polizisten, der bei Meiwes' Festnahme selbst fasziniert ist von der Liebessehnsucht des Täters, zeigt die unscharfen Grenzen der Normalität. Ein sensibler Abend, der allenfalls unter zu vielen klugen Sätzen leidet.

Noch heute und morgen. Telefon 089/ 260 66 36.

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