Grenzen sprengen

- Revolutionärin im Tanz und schon zu Lebzeiten Legende: Pina Bausch, die Tochter eines Solinger Gastwirtes, die als Leiterin das Wuppertaler Tanztheaters zum deutschen Kultur-Export Nr. 1 machte, feiert heute ihren 65. Geburtstag. In der Essener Folkwanghochschule war sie noch eine ätherische Ballett-Elfe. Aber schon ihre ersten Choreographien - die genau in die 68er-Ära fallen - deuten den großen Aufbruch an: Bausch lehnt eine selbstzweckhaft schöne Tanzästhetik ab, forscht hinter der Bewegung nach dem Menschen - seinen Ängsten, Zweifeln und Sehnsüchten.

Nach ihrem noch traditionell im Folkwang-Stil durchchoreographierten "Frühlingsopfer" 1975 reduziert sich der Tanz bei ihr auf Alltagsgesten, nähert sich dem Theater. Auch da sprengt sie Grenzen. Keine einheitliche Handlung, sondern eine mit atmosphärisch-ironischer Musik-Collage unterlegte Reihung assoziativ verbundener Szenen. Und diese erarbeitet in Improvisationen zusammen mit den Tänzern - unmittelbar aus deren Biografien. Die Bausch greift direkt ins Leben, schöpft aus echten Befindlichkeiten - und seziert so das allgemeine Versagen menschlicher Beziehungen, metaphorisch-sinnlich, tragisch, komisch.Auch wenn sie mit Tabu-Brüchen und provozierenden Aktionen der Tänzer schockierte, so war sie mit ihrer zwischenmenschlichen Vivisektion immer direkt beim Zuschauer. Ihre neue Sicht beeinflusste den Tanz weltweit, auch Theater, Oper und Film. Und ihr Wuppertaler Tanztheater tanzt immer noch um die ganze Welt - inzwischen, Ironie der Revolution, wieder üppig bewegt und so luxuriös-schön wie im einst verpönten Ballett.

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