Gretchen, das wunderbare Wesen

- "Nie maßte ich mir an, Künstler zu sein." Dieser achte Satz seines neuen Buches steht Ivan Nagel (75) gut: selbstbewusst bescheiden, nachdrücklich gewählt, aus der Sicht eines Erfahrenen, der seit über 50 Jahren mit, aus und in großer Liebe zu den schönen Künsten lebt. Er war Kritiker, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, Intendant am Hamburger Schauspielhaus, Schauspielleiter in Stuttgart und Salzburg, Professor an der Berliner Hochschule der Künste. Er schrieb über Theater, Malerei, Musik, Politik, zuletzt "Drama und Theater" (wir berichteten). Und doch sieht er sich selbst nicht als Künstler, sondern als Förderer: "Ich muss versuchen, Größe bei anderen Leuten zu erkennen und es ihnen ermöglichen, das, was sie am besten können, herzustellen und zu zeigen."

Er tat es, in fruchtbaren Begegnungen: Fritz Kortner etwa wurde der, "bei dem ich wirklich lernen konnte, was Theater sein kann"; Klaus Michael Grüber sieht er als "den eigentlichen Wundertäter seiner Generation von Regisseuren". Aber: "Obwohl es sehr schön ist, schon bestehende Größen, die man besonders liebt, an das eigene Theater zu locken, noch schöner ist es, Leute neu zu entdecken, wie mir das an den Kammerspielen mit Peter Stein gelungen ist."

Nagel schreibt, er habe sein Deutsch im Theater gelernt. 1931 in Budapest geboren, kam er über die Schweiz nach Deutschland. Während er im Gespräch seine Erinnerungen konzentriert, fast introvertiert formuliert, fließen im lebhaften Gegensatz die verschlungensten, vollkommensten Gedankengefüge aus dem Mund des Erzählers. Besonders sesshaft war er nie. Ein einziger Beruf ein Leben lang ­ das sei nur etwas für ganz geniale oder ganz dümmliche Leute, sagt er und skizziert sich das vergnügliche Gruselszenario eines 90-jährigen blinden und halb lahmen Intendanten, der jeden Morgen am Krückstock seinen Sessel besteigt.

"Als ich dann hauptsächlich schreiben und über die Sachen, die ich im Leben gesehen habe, richtig nachdenken wollte, hab‘\x0e ich auch mein Thema sehr oft gewechselt. Wenn ich ein Buch schreibe, möchte ich dabei eine ganze Menge lernen." So hat sein erstes Werk von Mozarts Opern gehandelt.

Seine Liebe zur Musik beginnt in der Budapester Kindheit: "Mit sechzehn oder siebzehn war ich jeden Abend im Konzert oder in der Oper. Manchmal hab\x0e‘ ich auch nur den ersten Akt der Oper angeschaut und bin dann rüber in die Musikakademie gerannt, um irgendetwas Neues von Bartók oder Hindemith zu hören." Gerade schreibt er über Malerei von Giotto bis Goya ­ komplexe Menschen in Konflikten. "Wenn das Theater das vergisst und stattdessen meint, man müsse eine Menge U-Musik oder Videos über die Menschen, die auf der Bühne stehen, ausgießen, damit es nicht langweilig wird, dann glaube ich, dass hauptsächlich schlechtes Theater zustande kommt. Was man heute deutschen Regisseuren, aber auch Intendanten vorwerfen kann, ist, dass sie sich zu wenig für den Menschen auf der Bühne interessieren und zu wenig die Möglichkeiten der Schauspieler ausschöpfen."

Das Drama lebe nur im Theater, schreibt Nagel zum Verhältnis zwischen Autor und Regisseur. Schuldet das Theater dem Drama dabei Respekt? "Eine gute Aufführung wirkt nicht, wenn der Regisseur Respekt vor Goethe hat, sondern wenn er selber entdeckt, was das Gretchen für ein wunderbares Wesen ist." Nur dadurch kann auch für den Zuschauer das geschehen, was den 75-Jährigen nachhaltig von der deutschen Bühne der 70er-Jahre schwärmen lässt: "Das Theater, wenn es gut ist, schlüsselt nicht ständig auf, sondern zwingt den Zuschauer zu deuten, zu arbeiten, zu fragen. Die Zuschauer damals hofften, wussten sogar, dass, wenn Theater gut ist, sie anders rauskommen, als sie rein gegangen sind."

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