Grimmiges Spiel der Giganten

- Waren es höllische Feuer, die hier ihre mächtigen eisernen Relikte hinterließen? Trieben Giganten ihr grimmiges Spiel mit den wütenden Elementen? Drang der Urnatur glutheiße Schmelze aus den erzenen Tiefen an die erkaltende Oberfläche?

er 81-jährige, urbayerische Alf Lechner überrascht mit seiner Auflösung der Geometrie. Er verabschiedete sich von seinen Grundmustern der rostigen Würfel und glatten Platten, der akkurat geschnittenen Kreise, Balken, Stäbe und Segmente, die er auf oft frappierende Weise zu variieren pflegte. Nun offenbart er sich in seinem Spätwerk der "Bizarren Flächen" auf andere, erneut ergiebige Weise.

Genau diesen Titel trägt auch seine Präsentation im vor sieben Jahren eröffneten Lechner-Museum an der Ingolstädter Esplanade. Aus dem Hüttenwerk im saarländischen Dillingen ließ Lechner über drei Meter lange Stahlblöcke in ein Brennwerk im niederrheinischen Neuss schaffen. Dort wurden sie mittels elektronisch gesteuerter Brennschneidemaschinen in eigentlich zu dünne Scheiben geschnitten ­ nach dem per Computer eingegebenen Programm.

Im Parterre der sich über beide Stockwerke erstreckenden Ingolstädter Ausstellung sind acht dieser schrundigen, teils geriffelten, jeweils an einer Seite gefransten Platten in Reih und Glied aufgestellt. Und dies aufrecht, da jede Scheibe im rechten Winkel an eine quadratische Stahlplatte angeschweißt ist. Angesichts der teils keilförmig eingekerbten Profile ergeben sich bedrohliche Assoziationen, ein grimmiges Ungefähr. Die hochgestellten Flächen dagegen enthalten auf malerische Weise eine schier unermessliche Vielfalt farbiger Nuancen. Stück für Stück stellt sich Entdeckerfreude ein.

Blaue Schwaden breiten sich neben höllischem Rot aus, grau-blauer Zunder erscheint wie Eis neben Feldern aus leuchtendem Orange. Sonnenuntergänge entschwinden über stillen Gewässern, in die ein Steg führt. Entstanden ist das alles in der hohen Hitze der Brenngasflamme, die sich unter dem enormen Druck des Sauerstoffstrahls durch den Stahl beißt und dabei das flüssig werdende Material absacken und abschmelzen lässt. Wie eine Phalanx urweltlicher Zeugen stehen diese monumentalen Relikte im Raum.

Im Obergeschoss breiten sich 16 "Horizontale Flächen" aus, jeweils eingehängt in zwei stählerne Ständer mit Fußplatten. Sie wirken aus der Ferne wie vernarbte Tierhäute oder derbe Tücher, abgehängt zum Trocknen. Aus der Nähe wiederum offenbaren sie ihre Strukturen und farbigen Reize: erstarrten Kies und abgelöschte Lava, Kontinente, Inseln und Buchten, Flüsse und Meere, düstere Strände und die breite Tiefe der vulkanischen Kruste. Mit seiner Auflösung der Geometrie gewann Lechner die Natur zurück ­ seine eigene und die unserer Erdenkruste.

Bis Ende Juni (Esplanade 9), Do.-So. 11-18 Uhr, Katalog: 12 Euro, Tel. 0841/ 305 22 50.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Blind sind die anderen
Saliya Kahawatte hat 15 Jahre in einem Hotel gearbeitet, obwohl er kaum sehen kann – von den Vorgesetzten unbemerkt.
Blind sind die anderen
Der Rest ist – Jubel
München - Hausregisseur Christopher Rüping glückte an den Münchner Kammerspielen eine hochkonzentrierte Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Lesen Sie hier unsere …
Der Rest ist – Jubel
Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten

Kommentare